Stand der Evidenz
Gesamtbewertung der Wirksamkeit bei neuropathischen Schmerzen
Die vorliegenden systematischen Reviews und Meta-Analysen zur Behandlung neuropathischer Schmerzen mit Cannabis-Präparaten liefern ein insgesamt gemischtes Bild. Die Evidenzqualität wird in den übergeordneten Übersichtsarbeiten häufig als hoch oder moderat bewertet, wobei die Studienlage aus randomisierte kontrollierte Studien besteht, deren Teilnehmendenzahlen von wenigen hundert im Einzelfall bis zu mehreren tausend in aggregierten Analysen reichen. Whiting 2015 identifizierte bei der Auswertung von 79 randomisierte kontrollierte Studien mit 6.462 Teilnehmenden moderate Evidenz für eine Schmerzreduktion bei chronischen Schmerzen einschließlich neuropathischer Syndrome, mit einem Odds Ratio von 1,41 für eine Schmerzreduktion von mindestens 30 Prozent gegenüber Placebo. Im Gegensatz dazu berichtete Stockings 2018 in einer Meta-Analyse von 104 Studien mit 9.958 Teilnehmenden über eine nicht signifikante Differenz bei einer Reduktion von mindestens 50 Prozent, während die Rate für eine 30-prozentige Verringerung statistisch signifikant, aber numerisch gering ausfiel. Chou 2026 ermittelte in einer Aktualisierung mit 25 randomisierte kontrollierte Studien und 2.303 Teilnehmenden, dass oromukosale Präparate eine leichte Reduktion der Schmerzintensität um 0,54 Punkte auf einer Skala von 0 bis 10 bewirken.
Untersuchte Wirkstoffe und Applikationsformen
In den untersuchten Studien kommen unterschiedliche Substanzen und Darreichungsformen zum Einsatz, darunter synthetische Cannabinoide wie Nabilone und Dronabinol sowie pflanzliche Extrakte und spezifische Wirkstoffe wie Cannabidiol und Delta-9-Tetrahydrocannabinol. Die Applikationsrouten umfassen orale, sublinguale, oromukosale, topische und inhalierte Anwendung. Chou 2026 berichtet, dass Nabilone eine moderate Wirkung mit einer gepoolten Differenz von 1,59 Punkten zeigte, während Dronabinol mit einer Differenz von 0,23 Punkten keine signifikante Wirkung aufwies. Dykukha 2021 fokussierte auf das oromukosale Präparat Nabiximols und ermittelte eine mittlere Differenz von minus 0,40 Punkten auf einer Skala von 0 bis 10. In der Studie von Seevathee 2024 wurde eine transdermale Formulierung bei Patienten mit diabetischer peripherer Neuropathie geprüft, die zu einer signifikanten Reduktion eines Schmerz-Index-Scores führte. Auch inhalative und sublinguale Wege, wie sie von Sherman 2026 in einer Analyse von vier randomisierte kontrollierte Studien berichtet wurden, waren Gegenstand der Forschung, wobei tägliche Dosen von 16 bis 18 Milligramm Tetrahydrocannabinol mit einer klinisch relevanten Linderung assoziiert waren.
Patientenkohorten und Umfang der Primärstudien
Die untersuchten Patientengruppen leiden vorwiegend an chronisch-neuropathischen Schmerzen, mit Ätiologien wie diabetischer Polyneuropathie, Post-Zoster-Neuralgie, Multipler Sklerose und Läsionen der Nervenwurzeln oder des Rückenmarks. Die Größe der einzelnen randomisierte kontrollierte Studien variiert erheblich und ist häufig begrenzt. So umfasste das randomisierte kontrollierte Studie von Seevathee 2024 100 Teilnehmende mit diabetischer peripherer Neuropathie der unteren Extremitäten. Zubcevic 2023 randomisierte 115 Patienten mit peripheren neuropathischen Schmerzen, die an Polyneuropathie, Post-Zoster-Neuralgie oder peripheren Nervenverletzungen litten. Bei der Auswertung von 20 randomisierte kontrollierte Studien durch Barakji 2023 waren 1.868 Personen eingeschlossen. Diese begrenzten Fallzahlen in den Einzelstudien führen zu weiten Konfidenzintervallen in einigen Pooled-Analysen, was die Präzision der Effektabschätzungen einschränkt.
Uneinheitliche Befundlage und bestimmende Faktoren
Die Ergebnisse der einzelnen Analysen differieren deutlich in ihrer Bewertung der analgetischen Wirksamkeit. Choi 2025 stellte in einer systematischen Review von 14 randomisierte kontrollierte Studien fest, dass 13 Studien eine statistisch signifikante Schmerzreduktion zeigten, was in einer Meta-Analyse von sieben Studien zu einer mittleren Differenz von minus 0,67 Punkten auf einer Skala von 0 bis 10 führte. Im Gegensatz dazu ergab die Untersuchung von Zubcevic 2023, dass weder orale Gaben von Cannabidiol, Tetrahydrocannabinol noch deren Kombination gegenüber Placebo signifikante Schmerzreduktionen erzielten. Mücke 2018 identifizierte in einer Cochrane-Review von 16 randomisierte kontrollierte Studien mit 1.750 Teilnehmenden eine Notwendigkeit, 20 Patienten zu behandeln, um eine 30-prozentige Schmerzreduktion zu erzielen, bei gleichzeitig 25 Patienten, bei denen ein Abbruch wegen Nebenwirkungen erfolgte. Diese Divergenzen resultieren aus der Heterogenität der verwendeten Präparate, Dosierungen, Applikationsarten und der spezifischen Endpunkte der Primärstudien.
Herausforderungen bei der Generalisierbarkeit und Sicherheit
Die Sicherheit und Verträglichkeit der Cannabis-Therapie wird in mehreren Übersichtsarbeiten als relevant beschrieben, wobei Nebenwirkungen wie Sedierung, Schwindel, Übelkeit und kognitive Beeinträchtigungen häufig berichtet werden. Chou 2026 und McDonagh 2022 weisen auf ein erhöhtes Risiko für Sedierung und Schwindel hin, insbesondere bei synthetischen Produkten mit hohem Tetrahydrocannabinol-Anteil. Die klinische Relevanz der erreichten Effektdifferenzen bleibt diskussionsbedürftig, da viele der beobachteten Schmerzreduktionen gering ausfallen. Zudem fehlen weitgehend Langzeitdaten zur Nachhaltigkeit der analgetischen Wirkung, da die meisten eingeschlossenen randomisierte kontrollierte Studien eine Studiendauer von einem bis sechs Monaten aufweisen. Die vorliegenden Leitlinien, wie die von Horlemann 2024 und Oliveira 2020, positionieren Cannabinoide daher eher als Option nach dem Versagen konventioneller Therapieansätze, wobei eine individualisierte Dosierung und ein engmaschiges Monitoring betont werden.