Stand der Evidenz
Aktuelle Studienlage bei Reizdarmsyndrom
Die Studienlage zu medizinischem Cannabis und Cannabinoiden bei Reizdarmsyndrom ist heterogen und insgesamt noch dünn. Während einige Übersichtsarbeiten die Evidenz als unzureichend einstufen, berichten einzelne randomisierte kontrollierte Studien über spezifische pharmakologische Effekte, die jedoch nicht einheitlich für symptomatische Verbesserungen sprechen. Eine umfassende pharmakologie-basierte systematische Übersicht von Bilbao 2022, die 152 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 12.123 Patienten analysierte, bewertet die Evidenz für Reizdarm als unzureichend. Dabei wurden keine signifikanten therapeutischen Effekte nachgewiesen. Eine frühere qualitative Übersicht von Volz 2016 identifizierte für den Bereich Reizdarm gar keine randomisierten kontrollierten Studien und stellte fest, dass suffiziente Daten vollständig fehlen. Demgegenüber steht Utz 2024, eine systematische Übersicht zu phytotherapeutischen Leitlinien, die für Reizdarmsyndrom eine starke Empfehlung für Pfefferminzöl sowie Empfehlungen für bestimmte Extrakte ausspricht. In diesem Kontext wird erwähnt, dass cannabisbasierte Medikamente bei abdominalen Schmerzen eine Rolle spielen können, was auf ein differenziertes Bild der Leitlinienlage hindeutet.
Untersuchte Substanzen und Studiendesign
Die vorliegenden Studien untersuchten unterschiedliche Wirkstoffe in verschiedenen Anwendungsformen. Die meisten randomisierten kontrollierten Studien konzentrierten sich auf Tetrahydrocannabinol (THC) in Form von Dronabinol, oral verabreicht. So testete Wong 2011 bei 75 Patienten Dronabinol in Dosen von 2,5 mg und 5 mg gegen Placebo. Eine andere Studie von Wong 2012 mit 36 Patienten prüfte dieselben Dosierungen über zwei Tage. Klooker 2011 untersuchte in einer Crossover-Studie mit 22 Teilnehmern Dronabinol in Dosen von 5 mg und 10 mg in Bezug auf die rektale Sensitivität. Neben THC wurde auch Cannabidiol (CBD) getestet. Van Orten-Luiten 2022 führte bei 32 weiblichen Patientinnen eine Crossover-Studie mit 50 mg CBD-Kaugummis durch. Eine neuere Phase-2b-Studie, die als CAPTIVATE in Chang 2023 berichtet wird, untersuchte Olorinab, einen Vollagonisten am CB2-Rezeptor, bei 273 Patienten in Dosierungen von 10, 25 und 50 mg dreimal täglich. Die Fallzahlen der einzelnen randomisierten kontrollierten Studien sind mit Ausnahme der Olorinab-Studie klein und liegen zwischen 22 und 75 Patienten.
Unterschiedliche Ergebnisse und pharmakologische Effekte
Die Ergebnisse der randomisierten Studien gehen hinsichtlich der klinischen Symptomerleichterung auseinander. Chang 2023 berichtet, dass der primäre Endpunkt der Veränderung des Bauchschmerz-Scores nicht erreicht wurde. Allerdings zeigte sich in einer präspezifizierten Subgruppe mit moderaten bis schweren Schmerzen, dass Olorinab 50 mg signifikant wirksamer war als Placebo. Im Gegensatz dazu zeigte van Orten-Luiten 2022 bei der CBD-Anwendung keinen statistisch signifikanten Unterschied in den Schmerzscores und der Lebensqualität zwischen Verum und Placebo. Wong 2012 fand keine signifikanten Gesamteffekte auf den gastrointestinalen Transit, beobachtete jedoch eine Genotyp-abhängige Tendenz. Klooker 2011 stellte fest, dass THC die Basis-rektalen Wahrnehmungsschwellen nicht veränderte. Im Gegensatz zu diesen negativen oder gemischten klinischen Ergebnissen berichtet Wong 2011 über klare pharmakologische Effekte. Das Dronabinol reduzierte den proximalen kolonischen Motilitätsindex und erhöhte die kolonische Compliance. Diese Effekte waren besonders ausgeprägt bei Patienten mit Durchfalltendenz. Die Autoren interpretieren diese Befunde im Zusammenhang mit pharmakogenetischen Einflüssen auf den Rezeptorstoffwechsel.
Offene Fragen und Grenzen der Evidenz
Die Datenlage zeigt erhebliche Einschränkungen in Bezug auf die Belastbarkeit und den klinischen Transfer. Die GRADE-Sicherheit der meisten individuellen randomisierten Studien wird als moderat bewertet, während die Übersichtsarbeiten als hoch eingestuft werden, die jedoch auf einem Mangel an RCTs beruhen. Ein zentrales Problem ist die fehlende Übereinstimmung zwischen pharmakologischen Parametern, wie der Verminderung der Darmmotilität in Wong 2011, und dem Ausbleiben einer entsprechenden symptomatischen Verbesserung in den meisten anderen Studien. Zudem variieren die Patientengruppen stark, was die Vergleichbarkeit der Studien erschwert. Einige Studien schlossen nur Patienten mit Durchfalltendenz ein, andere untersuchten gemischte Subtypen. Langzeitdaten zur Wirksamkeit und Sicherheit fehlen in der hier dargestellten Evidenzsammlung vollständig. Es bleibt unklar, ob die identifizierten pharmakologischen Wirkmechanismen wie die Einflussnahme auf die Motilität oder die Empfindlichkeit im unteren Magen-Darm-Trakt in größeren klinischen Populationen zu einer nachhaltigen Symptomlinderung führen können.