Stand der Evidenz
Studiendesign und untersuchte Präparate
Die vorliegenden Studien umfassen eine heterogene Menge an Evidenzqualitäten, wobei die Beweislage von randomisierten kontrollierten Studien bis hin zu einzelnen Fallberichten reicht. Drei Arbeiten weisen die höchste Evidenzstufe A auf, fünf Studien die Stufe B, eine Studie die Stufe C und eine Arbeit die Stufe D. Das Design variiert stark zwischen randomisiert placebokontrollierten Interventionsstudien, systematischen Reviews, Meta-Analysen und retrospektiven Kohortenanalysen. Untersucht wurden verschiedene Cannabinoid-Präparate und Wirkstoffmischungen. Dronabinol, ein isolierter THC-Wirkstoff, wurde in mehreren Studien angewendet, darunter bei Alzheimer-Patienten mit Agitation sowie bei tumorassoziierter Anorexie. Kombinationspräparate mit THC und CBD wurden häufiger in demenzspezifischen Studien eingesetzt. So untersuchte Cury 2025 einen niedrig dosierten THC-CBD-Extrakt, während Palmieri 2023 das Vollspektrum-Cannabis-Präparat Bedrocan® mit einem hohen THC-Anteil einsetzte. Abuhasira 2018 und Abuhasira 2023 arbeiteten ebenfalls mit Vollspektrum-Extrakt. Die Anwendung erfolgte überwiegend oral, teils als Tinktur oder Kapsel, in einem Fall oromukosal. Eine Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin gibt konsensusbasierte Empfehlungen für diese Patientengruppe, ohne jedoch konkrete Studiendaten zu liefern.
Patientengruppen und Studienstichproben
Die untersuchten Populationen sind hochbetagt und weisen eine hohe Vulnerabilität auf. Die Altersspannen reichen von über 50 Jahren bis hin zu spezifischen Demenz-Kohorten. Rosenberg 2026 rekrutierte 75 Patienten mit Alzheimer-Demenz und Agitation. Die Studie von Cury 2025 umfasste 28 Patienten im Alter von 60 bis 80 Jahren. Timler 2023 untersuchte 21 Demenz-Patienten in Pflegeheimen, deren Durchschnittsalter bei 85 Jahren lag. Palmieri 2023 arbeitete mit einer kleinen Kohorte von 30 Alzheimer-Patienten zwischen 65 und 90 Jahren. Bei den Studien zu Schmerz und Palliativversorgung war die Fallzahl deutlich größer. Abuhasira 2018 umfasste 2.736 Patienten über 65 Jahre, Abuhasira 2023 119 Patienten. Wendelmuth 2019 analysierte 40 geriatrische Schmerz- und Palliativpatienten retrospektiv. Die systematischen Reviews berücksichtigen größere Stichproben; Pisani 2021 aggregierte Daten von 2.341 Erwachsenen über 50 Jahren aus 38 Studien, während Ceolin 2024 sechs Studien mit insgesamt 869 Teilnehmenden zu appetitanregenden Effekten zusammenführte. Die kleinste dokumentierte Stichprobe ist der Einzelfallbericht von Ramm 2023 mit einem 85-jährigen Patienten mit Lewy-Körperchen-Demenz.
Wirksamkeit und Sicherheit in der Gesamtschau
Die Ergebnisse zur Wirksamkeit sind uneinheitlich und hängen stark von der jeweiligen Symptomatik ab. Bei Agitation und psychischem Unruheverhalten zeigen sich in randomisierten Studien positive Effekte. Rosenberg 2026 dokumentierte eine signifikante Abnahme der Agitation unter Dronabinol mit einem Effekt von 0,53. Cury 2025 berichtete über ein signifikant besseres kognitives Ergebnis im MMSE-Score gegenüber Placebo. Palmieri 2023 stellte in der kleinen Kohorte eine deutliche Reduktion von Agitation und aggressivem Verhalten fest. Bei Appetitlosigkeit und Gewichtsabnahme sind die Daten gemischt. Ceolin 2024 fand, dass Nabilon die Kalorienaufnahme signifikant steigerte, während Dronabinol weniger wirksam war als Megestrol. Zur Sicherheit zeigte Pisani 2021 in der Meta-Analyse, dass Cannabinoide bei Erwachsenen über 50 Jahren gut verträglich waren, wobei die Inzidenzrate aller unerwünschten Ereignisse bei 122,18 unter THC und 111,91 unter CBD lag und keine schweren Ereignisse unter reinem THC oder CBD dokumentiert wurden. In der realen Anwendung bei Abuhasira 2018 traten als häufigste Nebenwirkungen Schwindel und Mundtrockenheit auf. Minerbi 2019 warnt jedoch in der narrativen Übersicht vor erheblichen Bedenken hinsichtlich kognitiver Beeinträchtigungen, kardiovaskulärer Risiken und dem Risiko von Stürzen bei älteren Erwachsenen, da fast alle bisherigen Studienteilnehmer unter 60 Jahre alt waren.
Methodische Limitationen und offene Fragen
Die Belastbarkeit der Evidenz ist durch mehrere Faktoren eingeschränkt, die die Übertragbarkeit der Ergebnisse limitieren. Ein zentrales Problem ist die geringe Fallzahl in den meisten randomisierten kontrollierten Studien. Cury 2025 arbeitete mit nur 28, Timler 2023 mit 21 und Rosenberg 2026 mit 75 Teilnehmenden. Timler 2023 schätzte nachträglich, dass 50 Probanden erforderlich gewesen wären, um eine ausreichende Teststärke für den NPI-Score zu erreichen. Die Studiendauer ist häufig kurz, weshalb Langzeitdaten zur Nachhaltigkeit der Effekte und zur chronischen Verträglichkeit fehlen. Die Studie von Cury 2025 mit 26 Wochen gilt als die längste verfügbare Cannabinoid-Studie bei Alzheimer-Patienten, doch Langzeitfolgen bleiben unklar. Methodische Schwächen zeigen sich auch in den Beobachtungsstudien. Palmieri 2023 verfügte über keine Kontrollgruppe und stützte sich auf selbst ausgefüllte Fragebögen, was die Validität der Befunde senkt. Die retrospektive Analyse von Wendelmuth 2019 leidet unter fehlender Randomisierung und potenziellen Verzerrungen. Hinzu kommt das Problem der Altersverteilung: Die meisten Studien untersuchen Personen unter 60 Jahren, während die spezifische geriatrische Population über 65 oder 70 Jahre in der Evidenz unterrepräsentiert ist. Diese Lücke macht eine sichere Aussage über das Nutzen-Risiko-Profil bei hochaltrigen Patienten mit multimorbiden Begleiterkrankungen schwierig.