Stand der Evidenz
Wirksamkeit bei Übelkeit und Erbrechen durch Chemotherapie
Die Studienlage zeigt für die chemotherapie-induzierte Übelkeit und das Erbrechen (CINV) die konsistentesten Hinweise auf einen Nutzen von Cannabinoiden. Whiting 2015 wertete 79 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 6462 Teilnehmern aus und identifizierte eine moderate Evidenz für eine Überlegenheit synthetischer Cannabinoide wie Nabilon und Dronabinol gegenüber Placebo. Der Odds Ratio für die CINV-Kontrolle lag bei 3.82 (95%-KI 1.55–9.42). Bestätigt wurde dieser Befund durch Chow 2025, der in einer Meta-Analyse von 26 randomisierten kontrollierten Studien eine signifikant überlegene CINV-Kontrolle unter Cannabinoiden gegenüber Placebo ermittelte (RR 2.65; 95%-KI 1.70–4.12). Grimison 2024 präsentierte in einem Phase-II/III-RCT mit 147 Patienten ein orales THC:CBD-Extrakt als Ergänzung zur leitliniengerechten Prophylaxe bei refraktärer Übelkeit. Die Rate der vollständigen Ansprache stieg von 8 Prozent im Placebo-Arm auf 24 Prozent unter Therapie (absolute Differenz 16 Prozent; 95%-KI 4–28; p=0.01). Breiten Rückhalt findet diese Evidenz in der ASCO-Leitlinie von Braun 2024, die Cannabinoide für die Behandlung von refraktärer CINV zusätzlich zu Antiemetika empfiehlt. Die Evidenzqualität wird in mehreren Übersichtsarbeiten als hoch bis moderat eingestuft.
Evidenzlage zu Krebs-assoziierten Schmerzen
Bei der Behandlung von Schmerzen im Rahmen einer Krebserkrankung zeigt die verfügbare Datenlage ein uneinheitliches Bild ohne klare klinische Relevanz der Effekte. Hauser 2023 analysierte in einer Cochrane-Übersichtsarbeit 14 randomisierte kontrollierte Studien mit 1823 Patienten. Es wurde keine klinisch relevante Wirksamkeit von oromukosalem Nabiximols/THC festgestellt. Die Verbesserungen im Patient-Global-Improvement-Index waren minimal (RD=0.06; 95%-KI 0.01–0.12) und die Schmerzintensität unterschied sich nicht signifikant von Placebo (SMD=-0.19; 95%-KI -0.40 bis 0.02). Auch Häuser 2019 berichtete in einer Meta-Analyse von 5 randomisierten kontrollierten Studien mit 1534 Patienten über keinen signifikanten Unterschied bei der Schmerzintensität oder der Opioid-Dosis. Boland 2020 kam zu einem ähnlichen Ergebnis: Die mittlere Differenz der Schmerzreduktion gegenüber Placebo war nicht signifikant (MD -0.21; 95%-KI -0.48 bis 0.07). Während Creanga-Murariu 2025 in einer breiteren Betrachtung signifikante Reduktionen von Schmerz und Angst gegenüber der Baseline berichtete, empfehlen MASCC-Leitlinien wie To 2023 aufgrund der fehlenden Effektivität in primären Endpunkten und der niedrigen Evidenzqualität keine generelle Anwendung als adjuvante Analgetika. Die DGS-PraxisLeitlinie von Horlemann 2024 stuft die Indikation dennoch als möglich in palliativen Situationen mit Opioid-Resistenz oder -Unverträglichkeit ein.
Untersuchung von Appetitverlust, Kachexie und psychischen Symptomen
Hinsichtlich des Appetits und der Gewichtsabnahme (Kachexie) liefern die Studien widersprüchliche bis negative Erkenntnisse. Ceolin 2024 prüfte 6 Studien mit 869 älteren Erwachsenen und stellte fest, dass Megestrol der Gabe von Dronabinol überlegen war. Nabilon zeigte je nach Dosis unterschiedliche Effekte, wobei keine generelle Überlegenheit gegenüber Placebo belegt ist. Simon 2022 wertete 10 Studien zur Kachexie aus und fand in der Meta-Analyse keinen signifikanten Effekt auf den Appetit (SMD=-0.02; 95%-KI -0.51 bis 0.46). Die Lebensqualität war signifikant schlechter unter Cannabinoid-Therapie (SMD=-0.25; 95%-KI -0.43 bis -0.07). Auch psychologische Symptome wie Angst und Depression bleiben unzureichend belegt. Crichton 2024 analysierte 15 Studien mit 1898 Patienten und konstatierte keinen klinisch relevanten Effekt von medizinischem Cannabis auf diese Endpunkte. De Feo 2023 identifizierte in 15 randomisierten kontrollierten Studien keine ausreichende Evidenz, da psychologische Symptome nur selten als primärer Endpunkt bewertet wurden. Die Datenlage zu diesen Symptomen wird aufgrund der Heterogenität und der seltenen Primärevaluation als dünn und von niedriger bis sehr niedriger Qualität beschrieben.
Untersuchte Präparate, Wirkstoffe und Patientengruppen
Die untersuchten Interventionen umfassen synthetische Cannabinoide wie Nabilon und Dronabinol, oromukosale Kombinationen wie Nabiximols/THC sowie pflanzliche Extrakte mit variierenden THC- und CBD-Anteilen. Die Anwendungsformen reichen von oralen und oromukosalen Darreichungen bis hin zu topischen Präparaten, wobei orale Anwendungen in den randomisierten kontrollierten Studien zur CINV dominieren. Die Studienteilnehmer umfassen erwachsene Krebspatienten in verschiedenen Krankheitsphasen, von der akuten Chemotherapie-Behandlung bis zur palliativen Versorgung. Die Fallzahlen variieren erheblich: Einzelstudien wie die von Grimison 2024 (n=147) oder Herman 1979 (n=113) erreichen eine hohe interne Güte, während systematische Übersichten wie Whiting 2015 mit 6462 Teilnehmern oder Bar-Lev Schleider 2022 mit knapp 10.000 Patienten in prospektiven Beobachtungsstudien breitere Populationen abbilden. Bar-Lev Schleider 2022 berichtet aus Israel über eine hohe Rate an Behandlungserfolgen (70.6 %) nach sechs Monaten, was jedoch durch das Studiendesign ohne randomisierte Kontrolle nicht kausal interpretierbar ist. Hinzu kommen spezifische Populationen wie Kinder (Chhabra 2023, n=1927 in 19 Studien) und Patienten mit metastasierter Erkrankung.
Grenzen der aktuellen Datenlage und offene Fragen
Obwohl die Evidenz für CINV belastbar ist, bestehen erhebliche Unsicherheiten in anderen Bereichen. Langzeitdaten zur Anwendung von Cannabis bei Krebspatienten fehlen weitgehend. Die Heterogenität der Studien zeigt sich in unterschiedlichen Wirkstoffkombinationen, Dosierungen und Endpunkten, was direkte Vergleiche erschwert. Bei psychologischen Symptomen und Schmerztherapie bleibt die Evidenzqualität häufig niedrig oder sehr niedrig. Nebenwirkungen wie Sedierung, Schwindel und Mundtrockenheit werden in kontrollierten Studien häufiger berichtet, was das Nutzen-Risiko-Profil in der Abwägung beeinflusst. Offene Studien und Beobachtungsstudien liefern zwar Hinweise auf Akzeptanz und subjektive Zufriedenheit, ersetzen aber keine randomisierte kontrollierte Evidenz. Die Frage, welche spezifischen Subpopulationen von welchen Cannabinoid-Präparaten und Dosierungen profitieren, bleibt offen. Zudem bedarf es weiterer randomisierter Studien, um die Rolle von Vollspektrum-Extrakt gegenüber isolierten Wirkstoffen zu klären, da viele Studien unterschiedliche Formulierungen testen, die mechanistisch unterschiedlich wirken können.