Stand der Evidenz
Belastbarkeit der Studienlage zur MS-Spastik
Die Evidenzbasis für den Einsatz von Cannabis bei spastischer Multipler Sklerose (MS) umfasst zahlreiche randomisierte kontrollierte Studien und Übersichtsarbeiten. Whiting 2015 wertete in einer systematischen Übersicht 79 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 6.462 Teilnehmern aus und stufte die Evidenz für MS-Spastik als moderat ein. Daraus ergab sich ein Odds Ratio von 1,76 für eine subjektive Verbesserung unter Nabiximols. Kleinere Meta-Analysen wie Wade 2010, die drei placebokontrollierte Studien mit 666 Patienten zusammenfasste, zeigten eine signifikante Reduktion des Spastik-NRS-Werts mit einer mittleren Differenz von minus 0,32. Auch Kleiner 2023 und Martinez-Paz 2023 bestätigten einen Nutzen für oromukosale Kombinationen mit hoher Sicherheitsbewertung. Im Kontrast dazu fand da Rovare 2017 in einer Meta-Analyse von 16 Studien keine signifikante Spastik-Reduktion im Gesamtvergleich. Diese Uneinheitlichkeit wird auf eine hohe Heterogenität der einzelnen Untersuchungseinheiten zurückgeführt. Die Gesamtlage lässt sich als belastbar für spezifische Subgruppen und Outcome-Parameter beschreiben, während die Breite der Daten durch methodische Unterschiede geprägt ist.
Untersuchte Präparate und Wirkstoffformen
Der Fokus der am höchsten bewerteten Studien liegt auf oromukosalen Kombinationspräparaten aus Tetrahydrocannabinol und Cannabidiol, insbesondere auf dem Wirkstoff Nabiximols. Diese Form wurde in mehreren großen randomisierten Studien wie jenen von Nicholas 2023, Markova 2019 und Novotna 2011 untersucht. Daneben existieren Daten zu oralen Vollspektrumextrakten, wie sie in den Studien von Zajicek 2012 und Zajicek 2003 erforscht wurden. AlHabil 2026 fokussierte ebenfalls auf Vollspektrumpräparate und oromukosale Kombinationen. Eine Ausnahme bilden die pädiatrischen Untersuchungen: Stefanovic 2025 testete ein Vollspektrum-Cannabis-Öl im Verhältnis von Cannabidiol zu Tetrahydrocannabinol von 10:1 bei Kindern und Jugendlichen. Mousavi 2025 untersuchte reinen, gereinigten Cannabidiol-Extrakt bei erwachsenen Patienten. Die Anwendung erfolgte überwiegend als oromukosales Spray oder als oraler Extrakt. In den meisten wirksamen Studien diente das Cannabinoid-Präparat als zusätzliche Therapie zu bestehenden Antispastika, nicht als alleinige Behandlung.
Patientengruppen und Studiengrößen
Die untersuchten Populationen gliedern sich hauptsächlich in erwachsene MS-Patienten mit therapieresistenter Spastik sowie in Kinder und Jugendliche mit zerebraler Spastik infolge von Zerebralparese oder traumatischen Verletzungen des Zentralnervensystems. Die Stichprobengrößen der randomisierten Studien variieren stark. Große multizentrische Studien wie Zajicek 2003 mit 630 Teilnehmern, Collin 2010 mit 337 Patienten und Novotna 2011 mit 241 Probanden zeichnen sich durch hohe Fallzahlen aus. Kleinere randomisierte Studien wie Riva 2018 mit 59 Teilnehmern oder Mousavi 2025 mit 49 Patienten untersuchten spezifische Subgruppen oder kleinere Kohorten. Real-World-Daten von D'hooghe 2021 mit 238 Patienten und Etges 2016 mit 941 Teilnehmern stützen die Evidenz durch Beobachtungen in der klinischen Praxis. AlHabil 2026 fasste 2.544 Patienten aus neun randomisierten Studien zusammen, während Whiting 2015 auf eine Gesamtzahl von 6.462 Teilnehmern über 79 Studien zurückgriff. Die pädiatrischen Studien weisen deutlich kleinere Fallzahlen auf: Stefanovic 2025 umfasste 53 Teilnehmer, Fairhurst 2020 72 Patienten im Alter von acht bis 18 Jahren.
Unterschiedliche Studienergebnisse und Determinanten
Die Studienbefunde weisen erhebliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Gruppen und Methodiken auf. Während adulte MS-Patienten unter der Gabe von Nabiximols häufig signifikante Verbesserungen der Spastik-Scores und der subjektiven Wahrnehmung berichten, zeigen die pädiatrischen randomisierten Studien ein anderes Bild. Stefanovic 2025 und Fairhurst 2020 wiesen keine signifikanten Unterschiede zwischen der Cannabis- und der Placebogruppe in der Messung der Spastik oder der Motorfunktion nach. Fairhurst 2020 berichtete zudem über unerwünschte Ereignisse wie Halluzinationen. Auch bei Erwachsenen zeigen sich Diskrepanzen: Zajicek 2003 erzielte auf der objektiven Ashworth-Skala keinen signifikanten Effekt, obwohl die subjektive Verbesserung statistisch bedeutsam war. Im Gegensatz dazu zeigte Riva 2018 bei Patienten mit amyotropher Lateralsklerose einen signifikanten Effekt auf der Ashworth-Skala. Die Effektivität von purem Cannabidiol bleibt unklar: Mousavi 2025 fand keine signifikante Reduktion der Spastikschwere, obwohl die Ganggeschwindigkeit und das Schmerzempfinden signifikant besser ausfielen als unter Placebo. Diese widersprüchlichen Befunde hängen von der Wahl des Endpunkts, der zugrunde liegenden Erkrankung und der spezifischen Cannabinoid-Zusammensetzung ab.
Offene Punkte und Grenzen der Datenlage
Ungeklärte Fragen betreffen die Langzeitwirksamkeit und die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Formen von Spastik. AlHabil 2026 stellte fest, dass Langzeitstudien größere Effekte zeigten als Kurzzeitstudien, doch die verfügbaren Daten stammen überwiegend aus kurzen Interventionszeiträumen von wenigen Wochen bis Monaten. Die Evidenz für Cannabidiol als alleinigen Wirkstoff ist dünn und liefert keine klaren Belege für eine spastiklindernde Wirkung. Bei pädiatrischen Patienten bleibt die Evidenz für einen klinischen Nutzen unter Vollspektrum-Präparaten schwach, was neben den negativen randomisierten Studien auch durch die geringe Fallzahl in den verfügbaren Untersuchungen unterstrichen wird. Nebenwirkungen wie Schwindel, Müdigkeit und Somnolenz treten in den meisten Studien konsistent auf und führten in einigen Fällen zu Studienabbrüchen. Die Abbruchquoten lagen in einigen Untersuchungen bei circa 40 Prozent. Ein Langzeitrisikoprofil für neurologische oder psychiatrische Folgen, insbesondere bei Jugendlichen, ist in den vorgelegten hochqualitativen randomisierten Studien nicht abschließend geklärt, da die Beobachtungsdauern meist begrenzt bleiben.