Stand der Evidenz
Gesamteinschaetzung der Wirksamkeit und Belastbarkeit
Die vorliegenden Studien zur Anwendung von Cannabis bei chronischem Schmerz zeigen ein uneinheitliches Bild, das zwischen leichten Verbesserungen und fehlendem statistischem Nachweis für einen Nutzen oszilliert. Belastbare Evidenz mit hoher Sicherheit liegt für die Reduktion der Schmerzintensität durch orale synthetische High-THC-Produkte vor, die eine leichte Senkung der Schmerzskala um 0,78 Punkte auf einer 0-10-Skala bewirken konnten (Chou 2026). Ähnlich leicht fällt die Reduktion durch oromukosale Extrakte mit vergleichbarem THC- und CBD-Anteil aus, die im Mittel 0,54 Punkte senkten (Chou 2026). Bei der Substanz Dronabinol weisen metabolische und pharmakologische Analysen auf eine moderate Wirksamkeit hin, quantifiziert durch eine standardisierte mittlere Differenz von minus 0,31 (Bilbao 2022). Im Gegensatz dazu ergab die Aktualisierung der Cochrane-Übersicht zu neuropathischem Schmerz, dass die zusätzlichen Beweise aus jüngeren Studien keinen klaren Nutzen über den bestehenden Evidenzstand hinaus belegen (Ates 2026). Die Evidenz für einen Opioid-sparenden Effekt ist dünn: Eine Übersicht zu 17 Studien wies nur einen minimalen Effekt auf die Opioiddosis aus, der statistisch nicht gesichert war (Noori 2021). Generell berichten Leitlinien von kleinen bis sehr kleinen Verbesserungen in der Schmerzintensität, denen häufig selbstlimitierende Nebenwirkungen gegenüberstehen (Busse 2021).
Untersuchte Wirkstoffe, Präparate und Anwendungsformen
Die untersuchten Interventionen umfassen ein breites Spektrum an pflanzlichen und synthetischen Verbindungen. Bei den synthetischen Wirkstoffen werden Dronabinol, Nabilone und Nabiximols differenziert betrachtet, wobei Dronabinol und Nabiximols moderat für die Reduktion der Schmerzintensität sprechen (Bilbao 2022). Synthetische High-THC-Produkte mit einem Gehalt von über 98 Prozent THC zeigten eine moderate Verbesserung der Schmerzintensität, gingen jedoch mit einem erhöhten Risiko für Sedierung und wahrscheinlich großem Schwindel einher (McDonagh 2022). Pflanzliche Vollspektrum-Produkte wie der Extrakt VER-01 wurden in einer multizentrischen Studie bei chronischem Rückenschmerz oral verabreicht und erzielten eine mittlere Schmerzreduktion um 1,9 Punkte auf der numerischen Ratingskala, was einer Differenz von minus 0,6 Punkten gegenüber Placebo entspricht (Karst 2025). Inhalativ vaporisiertes Cannabis mit 4,4 Prozent THC und 4,9 Prozent CBD wurde in einer Pilotstudie bei Sichelzellerkrankung getestet, wobei jedoch kein statistisch gesicherter Nutzen gegenüber Placebo festgestellt wurde (Abrams 2020). Die Applikationsformen variieren stark, wobei orale Gabe und sublinguale Sprays am häufigsten untersucht sind, während inhalative Verfahren nur in kleineren Stichproben vorkommen (Wang 2021).
Patientengruppen und Umfang der Studien
Die Studienpopulationen bestehen überwiegend aus erwachsenen Patienten mit chronisch-neuropathischem Schmerz, wobei dieser Anteil in einigen großen Übersichtstudien bei 56 bis 64 Prozent liegt (McDonagh 2022, Chou 2026). Andere Untersuchungen beziehen explizit auch nicht-neuropathische Schmerzformen wie chronischen Rückenschmerz ein (Karst 2025). Der Umfang der Primärstudien reicht von kleinen Pilotuntersuchungen mit n=23 Teilnehmenden (Abrams 2020) über mittlere Studien bis hin zu großen Vergleichsarbeiten. Eine Netzwerk-Meta-Analyse fasste 90 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 22.028 Teilnehmenden zusammen, die Cannabis mit Opioiden bei chronisch-nicht-malignem Schmerz verglichen (Jeddi 2024). Weitere umfangreiche systematische Reviews umfassen 79 Studien (Whiting 2015), 152 Studien (Bilbao 2022) und 36 Studien mit 4.006 Teilnehmenden (Johal 2020). Die Behandlungszeiträume sind meist kurzfristig, liegen oft im Bereich von vier bis fünf Monaten (Wang 2021), während einige Studien aus der Versorgungspraxis über Zeiträume von 26 bis 52 Wochen berichten (Bialas 2022).
Heterogenität der Ergebnisse und Einflussfaktoren
Die Streuung der Ergebnisse lässt sich teilweise auf die unterschiedliche Zusammensetzung der Cannabinoidgemische und die Heterogenität der Patientengruppen zurückführen. Bei dem direkten Vergleich von Cannabis und Opioiden zeigten sich keine signifikanten Unterschiede in der körperlichen Funktion oder der Schmerzlinderung, beide Gruppen waren dem Placebo überlegen, aber untereinander vergleichbar (Jeddi 2024). Eine Übersicht zu 36 Studien identifizierte einen Nutzen nur bei sehr kurzen Therapiedauern von weniger als sieben Tagen für Cannabis und länger als sieben Tagen für Nabiximols, wobei die Qualität der Evidenz in beiden Fällen als sehr niedrig eingestuft wurde (Fisher 2021). Die Heterogenität innerhalb der Studien zeigt sich in hohen I²-Werten, etwa bei der Schlafqualität von 55 Prozent und der Schmerzreduktion von 82 Prozent in einer Meta-Analyse zu neuropathischem Schmerz (McParland 2023). Zudem weichen die Befunde bei CBD-haltigen Präparaten stark ab; während manche Studien Schmerzreduktionen von 42 bis 66 Prozent melden, zeigen andere keine signifikanten Verbesserungen (Mohammed 2024).
Offene Fragen und Unsicherheiten in der Langzeitbeobachtung
Große Unsicherheiten bestehen hinsichtlich der Langzeitwirkungen und der Sicherheit bei vulnerablen Gruppen. Die Evidenz zu langfristigen Nebenwirkungen basiert auf 39 Studien mit 12.143 Patienten, weist aber nur sehr niedrige Evidenzsicherheit auf. Psychiatrische Ereignisse traten in 13,5 Prozent der Fälle auf, was auf ein relevantes Risiko hindeutet, das jedoch aufgrund der Datenqualität schwer quantitativ einzuordnen ist (Zeraatkar 2022). Für Jugendliche, Personen mit Anamnese einer Substanzgebrauchsstörung oder schwere psychische Erkrankung überwiegt das Risiko laut aktuellen Best Practice Advice den potenziellen Nutzen (Kansagara 2025). Langzeitdaten über den Erhalt des initialen Effekts fehlen weitgehend, da die meisten randomisierten Studien nur kurze Zeiträume von wenigen Wochen abdecken (Whiting 2015). Die Frage, ob ein Opioid-sparender Effekt über die Akutphase hinaus Bestand hat, bleibt ungeklärt, da die verfügbaren Daten hier auf eine minimale Wirkung ohne statistische Signifikanz hindeuten (Noori 2021). Auch die optimale Dosierung im Verhältnis zum klinischen Nutzen bleibt in der aktuellen Studienlage nicht einheitlich beantwortet.