Stand der Evidenz
Wirksamkeit von Cannabidiol bei spezifischen Syndromen
Die vorliegenden Studien liefern eine belastbare Evidenz für die Wirksamkeit von gereinigtem Cannabidiol (CBD) bei therapieresistenter Epilepsie, insbesondere bei Lennox-Gastaut-Syndrom und Dravet-Syndrom. Bei Lennox-Gastaut-Syndrom zeigten multizentrische randomisierte kontrollierte Studien (RCT) signifikante Reduktionen der Drop-Anfallshäufigkeit. Devinsky 2018 berichtet eine mediane Reduktion von 41,9 % bei einer Dosis von 20 mg/kg/d und von 37,2 % bei 10 mg/kg/d im Vergleich zu 17,2 % unter Placebo. Thiele 2018 bestätigt diese Trends in einer Phase-III-Studie. Bei Dravet-Syndrom reduzierte CBD 20 mg/kg/d die konvulsiven Anfälle median um 38,9 %, während Placebo 13,3 % betrug (Devinsky 2017). Miller 2020 untersuchte niedrigere Dosen (10 und 20 mg/kg/d) bei pädiatrischen Patienten. Bei Kindern mit Tuberöse-Sklerose-Komplex assoziierter Epilepsie zeigte Thiele 2021 eine Anfallsreduktion von 48,6 % (25 mg/kg/d) und 47,5 % (50 mg/kg/d) gegenüber 26,5 % unter Placebo. Meta-Analysen untermauern diese Einzelbefunde: Bilbao 2022 ermittelt einen signifikanten therapeutischen Effekt mit einer standardisierten Differenz (SMD) von -0,5. Martimbianco 2025 quantifiziert das Risiko für eine Anfallsreduktion von mindestens 50 % bei 20 mg/kg/d als RR = 1,92 (95 % CI 1,49–2,46). Die Evidenzqualität für diese Kernbefunde wird als hoch bzw. moderat eingestuft.
Patientengruppen, Studiendesign und Fallzahlen
Die Evidenz konzentriert sich überwiegend auf pädiatrische Patientengruppen im Alter von 2 bis 18 Jahren sowie auf Jugendliche und junge Erwachsene. Eine Ausnahme bildet Thiele 2021, die Patienten im Alter von 1 bis 65 Jahren einschloss. Die Fallzahlen variieren stark: Während die Cochrane Reviews von Gloss 2012 und Gloss 2014 lediglich 4 RCTs mit insgesamt 48 Patienten einschlossen, umfassen neuere Übersichtsarbeiten Tausende von Teilnehmenden. Chhabra 2025 dokumentiert 146 Studien mit 188.726 Teilnehmenden mit refraktärer Epilepsie. Tong 2024 analysierte 20 RCTs mit 5.516 Patienten. Das Spektrum reicht von kleinen früheren Pilotstudien bis zu großen multizentrischen Phase-III-Studien mit 16 Wochen Therapiezeitraum. Die Anwendungsform war in den großen RCTs oral, meist als Lösung.
Dosisabhängigkeit und Vergleich zu anderen Antiepileptika
Die Wirksamkeit zeigt eine Dosisabhängigkeit, wobei höhere Dosen nicht zwingend bessere Effekte erzeugen. Thiele 2021 fand kaum Unterschiede zwischen 25 mg/kg/d (48,6 % Reduktion) und 50 mg/kg/d (47,5 % Reduktion). Liu 2023 hebt hervor, dass höhere Dosen und mehr begleitende Antiepileptika das Risiko für unerwünschte Ereignisse erhöhen, ohne einen zusätzlichen Wirksamkeitsgewinn zu erzielen. In der Rangordnung der Antiepileptika ist die Position von CBD indikationsabhängig. Bei Lennox-Gastaut-Syndrom weist Tong 2024 CBD die höchste Ranglistenwahrscheinlichkeit (SUCRA 88,4 %) unter sechs neuen Wirkstoffen zu. Devi 2022 findet, dass Clobazam-Hochdosis die Wirksamkeits-Rangliste anführt, CBD jedoch Drop-Anfälle signifikant gegenüber Placebo reduziert (OR = 3,8). Bei Dravet-Syndrom war CBD in einer Netzwerk-Meta-Analyse von Guerrini 2024 Stiripentol und Fenfluramin statistisch unterlegen bei der Erreichung einer ≥50 % Reduktion der motorischen Krampf-Anfälle (MCSF). Lattanzi 2023 bestätigt, dass pharmazeutisches CBD eine geringere Anfallsresponse zeigte als Fenfluramin (OR = 0,20) und Stiripentol (OR = 14,07), jedoch mit weniger unerwünschten Ereignissen assoziiert war.
Nebenwirkungen und Sicherheit
Die Sicherheitsdaten sind durchweg dokumentiert. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Somnolenz, Diarrhö, Erbrechen und Appetitminderung, wie in Chhabra 2025 (über 20 % der Studien) und Saranti 2025 berichtet. Fazlollahi 2023 quantifiziert das Nebenwirkungsrisiko in einer Meta-Analyse von 9 RCTs: Die Inzidenz jeglicher Nebenwirkungen lag bei 9,7 % (CBD) gegenüber 4,0 % (Kontrolle). Das Risiko für schwere Nebenwirkungen war erhöht (RR = 3,39, 95 % CI 1,42-8,09). Auch das Risiko für Therapieabbruch (RR = 3,95) und Dosisreduktion (RR = 9,87) war unter CBD signifikant höher. Abbasi 2024 zeigt, dass die Therapieabbruchrate bei 20 mg/kg/d erhöht war (RR = 4,39). Hepatotoxizität, manifestiert als erhöhte Transaminasen, wird in Saranti 2025 als meist mild bis moderat und reversibel beschrieben.
Grenzen der Evidenz und unbeantwortete Fragen
Trotz der breiten Datenlage bestehen erhebliche Ungewissheiten. Whiting 2015 bewertete die Evidenz für Epilepsie seinerzeit als schwach, was primär auf die geringe Anzahl vorliegender RCTs zurückzuführen war; neuere Daten haben diesen Befund jedoch korrigiert. Bei fokaler Epilepsie im Erwachsenenalter zeigte Tong 2024, dass CBD nicht besser als Placebo war (RR = 0,83, 95 % KI 0,36–1,93). Die Ergebnisse bei seltenen Enzephalopathien sind heterogen: Gras 2024 zeigt bei KCNT1-assoziierter Epilepsie nur eine Verbesserung bei 50 % der Patienten. Langzeitdaten fehlen weitgehend, da die RCTs meist 16 Wochen oder kürzer andauerten. Die Generalisierbarkeit von den spezifischen syndromalen Epilepsien (Dravet, Lennox-Gastaut, TSC) auf andere Epilepsieformen ist begrenzt. Zudem ist die Evidenzlage für alternative Wirkstoffe wie Dronabinol oder Nabilon dünner, da die meisten aktuellen Hochwertstudien auf CBD fokussiert sind. Die Cochrane-Updates von Gloss 2012 und 2014 wiesen auf methodische Schwächen (niedrige Qualität, fehlende Randomisierungsdetails) in frühen Studien hin, die die verlässliche Einschätzung der Langzeitwirksamkeit erschwerten.