Stand der Evidenz
Geringe Zahl an randomisierten kontrollierten Studien zur rheumatoiden Arthritis
Die wissenschaftliche Datenlage zu Cannabis und Cannabinoiden bei rheumatoider Arthritis ist durch eine sehr geringe Menge an Primärdaten gekennzeichnet. Eine im Jahr 2022 publizierte Übersicht von Schulze-Schiappacasse bewertete 26 systematische Reviews. Diese identifizierten gemeinsam nur eine einzige randomisierte kontrollierte Studie, die sich spezifisch mit Cannabis oder Cannabinoiden bei dieser Indikation befasste. Die Evidenzqualität wird als hoch eingestuft, was auf die methodische Qualität der Übersichtsarbeiten hinweist, jedoch wird die dünne Datengrundlage als begrenzend beschrieben. Die Ergebnisse der wenigen verfügbaren Studien sind uneinheitlich, was die Beurteilung der klinischen Relevanz erschwert. Die insgesamt niedrige Studiendichte führt dazu, dass die Belastbarkeit der Gesamtevidenz eingeschränkt ist und keine belastbare Schlussfolgerung über den generellen Nutzen gezogen werden kann.
Kleine Patientengruppen und eingesetzte Wirkstoffkombinationen
Die untersuchten Kohorten waren klein. In systematischen Reviews, die auf Fitzcharles 2016 zurückgehen, wurden insgesamt 203 Patienten in vier randomisierten kontrollierten Studien erfasst, von denen 58 an rheumatoider Arthritis litten. Eine weitere Auswertung derselben Autoren mit 159 Teilnehmern in vier randomisierten kontrollierten Studien umfasste ebenfalls 58 Patienten mit rheumatoider Arthritis. Die einzige spezifische randomisierte kontrollierte Studie von Blake aus dem Jahr 2006 rekrutierte 58 Patienten. In dieser Studie wurde ein oromukosales Präparat in Form einer Wirkstoffkombination über einen Zeitraum von fünf Wochen gegen ein Placebo geprüft. Die Übersichtsarbeiten geben an, dass andere Studien ebenfalls Kombinationen aus Tetrahydrocannabinol und Cannabidiol einsetzten, wobei die genaue Applikationsform in den Zusammenfassungen nicht einheitlich spezifiziert ist. Die geringen Fallzahlen in den einzelnen Studien begrenzen die statistische Aussagekraft der Ergebnisse erheblich.
Uneinheitliche Effekte auf Schmerz und Krankheitsaktivität
Die Befunde zu den klinischen Endpunkten widersprechen sich teilweise. Die Studie von Blake 2006 berichtete über signifikante Verbesserungen bei Schmerzen in Bewegung und Ruhe, der Schlafqualität sowie bei Krankheitsscores wie dem DAS28 und der Schmerzkomponente eines Fragebogens. Keinen signifikanten Effekt zeigte dieses Präparat auf die Morgensteifigkeit. Im Gegensatz dazu stellte Fitzcharles 2016 in der Analyse der rheumatoiden Arthritis fest, dass die Überlegenheit von Cannabinoiden gegenüber Kontrollen nicht konsistent nachgewiesen wurde. Zwar wurden in zwei der einschlägigen Studien statistisch signifikante Effekte auf Schmerz berichtet, der Gesamtnutzen blieb jedoch unklar. Schulze-Schiappacasse 2022 fasst die Evidenzlage zusammen, wonach Cannabis oder Cannabinoide die Krankheitsaktivität lediglich leicht reduzieren können und kaum einen Unterschied in der Schmerzreduktion im Vergleich zu Placebo zeigen. Die Evidenz für einen klaren analgetischen Vorteil ist somit nicht gesichert und die Ergebnisse gehen auseinander.
Häufige Nebenwirkungen und hohe Verzerrungsrisiken
Die Berichte zu Nebenwirkungen beruhen auf kleinen Fallzahlen. In der Auswertung von Fitzcharles 2016, die 58 Patienten mit rheumatoider Arthritis umfasste, berichteten fast 50 Prozent der Patienten über Schwindel. Die drei in dieser Übersicht eingeschlossenen Studien wiesen ein hohes Verzerrungsrisiko auf, was die Zuverlässigkeit der Daten mindert. In einer weiteren Übersicht von Lynch 2011, die auch Patienten mit rheumatoider Arthritis einschloss, wurden Nebenwirkungen meist als mild bis moderat und gut toleriert beschrieben. Schwerwiegende Nebenwirkungen spielten in der Zusammenfassung keine große Rolle, jedoch wird die Evidenz zu schweren Nebenwirkungen in der rheumatoiden Arthritis als sehr unsicher eingestuft, da die Datenlage hierzu von sehr niedriger Qualität ist. Die Möglichkeit, dass Cannabis oder Cannabinoide Nebenwirkungen des Nervensystems leicht erhöhen können, wird in der Übersicht von Schulze-Schiappacasse 2022 angesprochen.
Fehlende Langzeitdaten und offene Fragen der Wirksamkeit
Die meisten der verfügbaren randomisierten kontrollierten Studien erfassten lediglich kurze Behandlungsperioden, häufig im Umfang von fünf Wochen. Es fehlen Daten zu Langzeitverläufen, die die Nachhaltigkeit der beobachteten Effekte oder das Auftreten verzögerter Nebenwirkungen über längere Zeiträume klären könnten. Beobachtungsstudien wie die von Fitzcharles 2020 mit 1.000 rheuma-erkrankten Patienten zeigen eine hohe Prävalenz der Cannabisanwendung, liefern aber aufgrund des fehlenden Interventionscharakters keine kausalen Aussagen zur Wirksamkeit. Narrative Übersichtsarbeiten wie die von Nowell 2022 fassen präklinische Mechanismen zusammen, weisen aber auf große Evidenzlücken bei den klinischen Daten hin. Ungeklärt bleiben weiterhin die Frage nach der optimalen Dosierung, der langfristigen Sicherheit und dem tatsächlichen klinischen Nutzen über kurzfristige Symptomlinderung hinaus. Die Studienlage bleibt dünn und widersprüchlich.