Zu Long-COVID liegen erst zwei kleine kontrollierte Studien vor, die noch keinen klaren Nutzen zeigten. Die Forschung steht hier ganz am Anfang.
?Bewertungsschema
Der Buchstabe bewertet die Qualität einer Studie, unabhängig vom Typ. Jeder Studientyp kann jede Note bekommen: auch ein Review kann B oder C sein, wenn er klein oder schwach ist, und ein RCT kann S sein. Die Note ist eine Synthese aus Studiendesign, Journal-Autorität und klinischer Verbindlichkeit:
S
Höchste Evidenz, große, methodisch erstklassige Studien oder S3-Leitlinien
A
Starke Evidenz, solide, aussagekräftige Studien mit klarem Ergebnis
B
Mittlere Evidenz, kleinere oder methodisch eingeschränkte Studien
C
Schwache Evidenz, vorläufige, indirekte oder widersprüchliche Befunde
D
Geringste Evidenz, explorative Hinweise, Einzelfälle oder Expertenmeinung
Qualitätsprofil je Studie
Links neben jeder Studie steht ein Profil aus vier Merkmalen, es zeigt die Unterschiede innerhalb einer Buchstaben-Klasse.
Größe ★
Teilnehmerzahl (RCT) bzw. eingeschlossene Studien (Review).
Verblindung
Doppelblind, einfachblind oder offen.
Effektstärke
Klarer Nutzen, gemischt, kein Nutzen oder Schaden.
Zitate / Jahr ★
Altersbereinigte Zitationshäufigkeit.
Kurz gefasst
Cannabis bei Long-COVID wurde in den vorliegenden Studien primär zur Untersuchung von Symptomen wie Fatigue und Post-Exertional Malaise eingesetzt. In einer Untersuchung mit einem kombinierten Pflanzenextrakt, der Cannabis sativa enthielt, wurde eine Reduktion des Gesamt-Symptomscores sowie eine Verringerung von Fatigue und Post-Exertional Malaise gemessen, während der CRP-Effekt nicht signifikant war. Eine weitere Studie untersuchte ein CBD-reiches Vollspektrum-Präparat bei Patienten mit Post-Acute COVID-19 Syndrom, wobei Verbesserungen in den PROMIS- und PGIC-Scores beobachtet wurden. Die Datenlage ist aufgrund kleinerer Fallzahlen und einer post-hoc Analyse, die messbare Terpene in der Placebogruppe zeigte, eingeschränkt.
Stand der Evidenz
Zwei kleine randomisierte Studien mit gemischten Ergebnissen
Die bestehende Evidenz zu Cannabis bei Long-COVID ist dünn und auf zwei kleine randomisierte kontrollierte Studien beschränkt. Lukkunaprasit 2024 untersuchte in einer Studie der Stufe B mit 66 Patienten einen kombinierten Pflanzenextrakt, der unter anderem Cannabis sativa enthielt, in einer täglichen Dosis von 4500 mg oral über sieben Tage im Vergleich zu Placebo. Die Ergebnisse zeigten einen gemischten Effekt: Es gab keine signifikante Veränderung des C-reaktiven Proteins (MD=-0.05 mg/L, 95% CI -0.49 bis 0.39), jedoch eine Reduktion des Gesamt-Symptomscores (MD=-4.00, 95% CI -7.58 bis -0.42). Zudem deuten die relativen Risiken auf eine Verringerung der mittleren bis schweren Fatigue (RR=0.25, 95% CI 0.08 bis 0.81) und der Post-Exertional Malaise (RR=0.35, 95% CI 0.16 bis 0.78) hin. Die Qualität der Evidenz wird als moderat eingestuft.
Jüngere Erkenntnisse aus Young 2024, einer Studie der Stufe C bei Post-Acute COVID-19 Syndrom (PACS), liefern wenig belastbare Hinweise auf einen spezifischen Wirkstoffeffekt. Bei 31 Teilnehmern (24 Completer, 8 Abbrüche) wurde eine oromukosale Anwendung eines CBD-reichen Vollspektrum-Präparats über 28 Tage mit Placebo verglichen, gefolgt von einem Crossover zu einer offenen aktiven Phase. Die PROMIS- und PGIC-Scores verbesserten sich in beiden Vergleichsarmen ab Tag 28. Eine unerwartete post-hoc Analyse wies zudem messbare Terpen-Konzentrationen in der Placebo-Gruppe nach, was die Zuordnung zu einem echten Placebo infrage stellt. Die Datenqualität wird als niedrig bewertet.
Heterogene Präparate und methodische Einschränkungen
Die untersuchten Präparate unterscheiden sich deutlich in ihrer Zusammensetzung und Anwendungsform. Während Lukkunaprasit 2024 einen hochdosierten oralen Pflanzenextrakt mit unklarem Wirkstoffspektrum verwendete, setzte Young 2024 ein oromukosales Vollspektrum-Präparat mit Cannabidiol (CBD) ein. Die Fallzahlen sind in beiden Studien klein (n=66 und n=31), und die Studiendauer ist kurz, mit sieben beziehungsweise 28 Tagen für die erste Phase. Methodische Schwächen wie das Fehlen eines reinen Placebos in der zweiten Studie und die Heterogenität der Interventionen erschweren den Vergleich der Ergebnisse. Langzeitdaten sind nicht vorhanden. Es bleibt offen, ob die beobachteten Besserungen, insbesondere das generelle Abschwellen der Scores in beiden Armen der Studie von Young 2024, auf den Cannabinoidanteil, andere Inhaltsstoffe wie Terpene oder auf unspezifische Faktoren zurückzuführen sind. Die Evidenzlage reicht nicht aus, um belastbare Schlüsse über die Wirksamkeit spezifischer Cannabis-Präparate bei Long-COVID zu ziehen.
Häufige Fragen
Hilft Cannabis gegen Long-COVID?
Die Studien zeigen gemischte Ergebnisse bezüglich der Symptomreduktion. Während eine Studie eine Verringerung des Gesamt-Symptomscores sowie von Fatigue und Post-Exertional Malaise feststellte, konnte kein signifikanter Effekt auf den CRP-Wert gemessen werden.
Welche Auswirkungen hat Cannabis bei Long-COVID auf die Fatigue?
In einer Untersuchung mit einem kombinierten Pflanzenextrakt wurde eine Reduktion der moderaten bis schweren Fatigue gemessen. Die GRADE-Sicherheit für dieses Ergebnis wird als moderat eingestuft.
Wie wirkt sich die Anwendung von Cannabis bei Long-COVID auf die Lebensqualität aus?
Bei der Anwendung eines CBD-reichen Vollspektrum-Präparats zeigten sich Verbesserungen in den PROMIS- und PGIC-Scores nach 28 Tagen. Die Sicherheit dieser Ergebnisse wird als niedrig bewertet.
Schlüsselstudien
2
01
B
Impact of combined plant extracts on long COVID: An exploratory randomized controlled trial.
Lukkunaprasit et al.·2024·Complementary therapies in medicine
A Single-Blind, Randomized, Placebo Controlled Study to Evaluate the Benefits and Safety of Endourage Targeted Wellness Formula C Sublingual +Drops in People with Post-Acute Coronavirus Disease 2019 Syndrome.
Young et al.·2024·Cannabis and cannabinoid research
Die Intervention reduzierte die Gesamtsymptom-Score und moderate bis schwere Symptome (besonders Fatigue und Post-Exertional Malaise), aber nicht CRP-Levels oder Lebensqualität.
Zusammenfassung
n=66 Long-COVID-Patienten, kombiniertes Pflanzenextrakt (u.a. Cannabis sativa) 4500 mg/Tag vs. Placebo über 7 Tage. Kein signifikanter CRP-Effekt [MD=-0.05 mg/L, 95% CI (-0.49, 0.39)], aber Reduktion des Gesamt-Symptomscores [MD=-4.00, 95% CI (-7.58, -0.42)], moderate-schwere Fatigue [RR=0.25, 95% CI (0.08, 0.81)] und Post-Exertional Malaise [RR=0.35, 95% CI (0.16, 0.78)]. Mild-moderate Nebenwirkungen.
Beide Gruppen zeigten Verbesserungen bei PGIC- und PROMIS-Scores am Tag 28, aber die Placebokontrolle war kompromittiert, da die Placebo-Formulierung unerwartet hohe Terpen-Konzentrationen enthielt und kein echtes Placebo war.
Zusammenfassung
n=31 Post-Acute COVID-19 Syndrom (PACS), CBD-reiches Vollspektrum-Präparat (Formula C) vs. Placebo über 28 Tage, dann Crossover zu Open-Label aktiv (weitere 28 Tage). n=24 Completers, 8 Abbrüche (nicht produktbezogen). PROMIS- und PGIC-Scores verbesserten sich in beiden Gruppen ab Tag 28; post-hoc Placebo-Analyse zeigte unerwartet medizinische Terpenen-Konzentrationen (kein echtes Placebo). Verbesserung persistierte in Open-Label-Phase. Keine Sicherheitsereignisse.