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Glaukom

3 kuratierte Studien · 3 Schlüsselstudien · mechoulam.de

Cannabis senke den Augeninnendruck nur kurzzeitig und sei als Glaukomtherapie ungeeignet. Eine genetische Analyse habe keinen kausalen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und Glaukom gefunden.

Bewertungsschema

Der Buchstabe bewertet die Qualität einer Studie, unabhängig vom Typ. Jeder Studientyp kann jede Note bekommen: auch ein Review kann B oder C sein, wenn er klein oder schwach ist, und ein RCT kann S sein. Die Note ist eine Synthese aus Studiendesign, Journal-Autorität und klinischer Verbindlichkeit:

S
Höchste Evidenz, große, methodisch erstklassige Studien oder S3-Leitlinien
A
Starke Evidenz, solide, aussagekräftige Studien mit klarem Ergebnis
B
Mittlere Evidenz, kleinere oder methodisch eingeschränkte Studien
C
Schwache Evidenz, vorläufige, indirekte oder widersprüchliche Befunde
D
Geringste Evidenz, explorative Hinweise, Einzelfälle oder Expertenmeinung

Qualitätsprofil je Studie

Links neben jeder Studie steht ein Profil aus vier Merkmalen, es zeigt die Unterschiede innerhalb einer Buchstaben-Klasse.

Größe
Teilnehmerzahl (RCT) bzw. eingeschlossene Studien (Review).
Verblindung
Doppelblind, einfachblind oder offen.
Effektstärke
Klarer Nutzen, gemischt, kein Nutzen oder Schaden.
Zitate / Jahr
Altersbereinigte Zitationshäufigkeit.

Kurz gefasst

Cannabis bei Glaukom wurde in Untersuchungen zur kausalen Assoziation sowie zur Wirkung von THC gemessen. Eine Meta-Analyse mit einer hohen GRADE-Sicherheit zeigte keine kausale Verbindung zwischen lebenslanger Cannabis-Nutzung und dem primären Offenwinkelglaukom. In randomisierten kontrollierten Studien mit Dronabinol wurde eine Erhöhung des Blutflusses am Sehnervenkopf (ONHBF) durch orale Einnahme von 5 mg oder 10 mg THC dokumentiert. Der intraokulare Druck wurde unter diesen Wirkstoffen nicht beeinflusst. Die Studienlage ist durch unterschiedliche Anwendungsformen und Probandengruppen geprägt.

Stand der Evidenz

Fehlende kausale Assoziation bei großen Populationen

Die aktuelle Datenlage zur Frage, ob der Konsum von Cannabis ein protektiver Faktor oder ein Risikofaktor für das primäre Offenwinkelglaukom ist, wird durch die umfassende Mendelian-Randomization-Studie von Katsimpris 2023 klar beantwortet. Diese Analyse der Stufe A untersuchte in kausalen Inferenzdaten 16.677 Fälle und 199.580 Kontrollen, was zu einer gesamten Studienteilnehmerzahl von 216.257 führt. Das Hauptergebnis dieser Untersuchung war, dass keine kausale Assoziation zwischen einer lebenslangen Cannabis-Nutzung und der Entwicklung eines primären Offenwinkelglaukoms besteht. Der Odds Ratio Wert lag bei 1.04 mit einem 95% Konfidenzintervall von 0.88 bis 1.23. Auch bei der spezifischen Betrachtung einer Cannabis-Use-Disorder zeigte sich mit einem Odds Ratio von 0.97 und einem 95% Konfidenzintervall von 0.92 bis 1.03 kein signifikanter Zusammenhang. Da die Sensitivitätsanalysen diesen Nullbefund bestätigten, lässt sich aus dieser hochqualitativen Evidenz der Stufe A schließen, dass es bei großer Fallzahl keine belastbare kausale Verbindung zwischen Cannabiskonsum und der Entstehung des Glaukoms gibt.

Zunahme des Blutflusses am Sehnerv in randomisierten kontrollierten Studien

Im Gegensatz zu den populationsbasierten Daten zeigen randomisierte kontrollierte Studien der Stufe B physiologische Effekte von Cannabinoiden auf die Ophthalmologie. Lindner 2026 untersuchte 23 Patienten mit primärem Offenwinkelglaukom in einem doppelblinden Cross-over-Design. Die orale Gabe von Dronabinol in der Dosierung von 10 mg führte zu einer signifikanten Erhöhung des Optic Nerve Head Blood Flow. Im Mittel betrug die dosisabhängige Veränderung +10.8% mit einer Standardabweichung von 20.6% und einem p-Wert von 0.018 im Bezug auf die mittlere Dosis. Die mittlere Venendichte stieg um +12.0% mit einer Standardabweichung von 24.8% und einem p-Wert von 0.042. Die mittlere Transversaldichte zeigte eine Zunahme von +11.0% mit einer Standardabweichung von 22.6% und einem p-Wert von 0.022 gegenüber Placebo. Diese Effekte blieben bis zu vier Stunden nach der Einnahme bestehen. Ein wichtiger Befund dieser Studie ist, dass der Augeninnendruck und der Blutdruck durch die Gabe nicht beeinflusst wurden, wobei die p-Werte für diese Parameter über 0.548 lagen.

Wirkung auf gesunde Probanden und die Autoregulation

Hommer 2020 lieferte in einer randomisierten, placebokontrollierten Cross-over-Studie der Stufe B an 24 gesunden Probanden weitere Belege für die Wirkung von THC auf den Blutfluss im Optikus. Die orale Anwendung von 5 mg Dronabinol, einem synthetischen THC-Präparat, erhöhte den Optic Nerve Head Blood Flow in Ruhe um 9.5% mit einer Standardabweichung von 8.1% im Vergleich zum Baseline-Wert. Bei der Placebo-Gruppe lag der Wert bei 0.3% mit einer Standardabweichung von 7.4%. Der Unterschied zwischen den Studientagen war hochsignifikant mit einem p-Wert unter 0.001. Ebenso wie in der Studie von Lindner 2026 zeigte sich kein Effekt auf den Augeninnendruck, den mittleren arteriellen Blutdruck oder den Ocular Perfusion Pressure. Zudem wurden keine psychoaktiven Nebenwirkungen berichtet, was in diesem kleinen Kollektiv von gesunden Personen auf eine gute Verträglichkeit der niedrig dosierten Applikation hindeutet. Die autoregulatorischen Mechanismen blieben in diesem Kontext unverändert.

Uneinheitliche Ergebnisse und unterschiedliche Studiendesigns

Die Ergebnisse der drei Studien weisen auf verschiedene Zielrichtungen hin, was eine direkte Vergleichbarkeit erschwert. Während Katsimpris 2023 einen kausalen Einfluss des Cannabiskonsums auf die Entstehung eines Glaukoms ausschließt, dokumentieren Lindner 2026 und Hommer 2020 kurzfristige hämodynamische Veränderungen am Sehnervenkopf. Die Patientengruppen unterscheiden sich fundamental. Bei Katsimpris 2023 handelt es sich um eine statistische Modellierung auf Basis von genetischen Daten einer sehr großen Population. Lindner 2026 untersuchte ausschließlich Patienten mit bereits diagnostiziertem primärem Offenwinkelglaukom. Hommer 2020 verwendete hingegen gesunde Probanden, was die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf eine kranke Population limitiert. Die Wirkstoffkonzentrationen variierten zwischen 5 mg und 10 mg Dronabinol. Die Studien von Lindner 2026 und Hommer 2020 beschränken sich auf die orale Gabe des reinen Wirkstoffs THC, während bei Katsimpris 2023 die konkrete Anwendungsform des Cannabis in der zugrunde liegenden Datenbasis nicht näher spezifiziert ist.

Offene Fragen und Limitationen der Evidenz

Trotz der vorliegenden Daten bleibt die Evidenzlage dünn, da die Anzahl der Studienteilnehmer in den randomisierten kontrollierten Studien sehr gering ist. Die Fallzahlen von 23 und 24 Patienten in den Studien der Stufe B erlauben keine belastbare Aussage über seltene Nebenwirkungen oder Langzeitwirkungen. Es fehlen Langzeitdaten, die über die vier Stunden hinausgehen und eine dauerhafte Wirkung des Cannabiskonsums auf den Intraokulardruck oder die Sehschärfe belegen würden. Es ist unklar, ob die beobachtete Zunahme des Blutflusses am Optikus bei Patienten mit Glaukom zu einem klinisch relevanten Nutzen in Bezug auf die Erhaltung der Gesichtsfelder führt. Die fehlende Spezifikation der Anwendungsform in der Mendelian-Randomization-Studie und die unterschiedlichen Zielgruppen zwischen gesunden Probanden und Glaukompatienten bedeuten, dass noch keine umfassende Therapieempfehlung oder dosierungsbezogene Empfehlung für den klinischen Alltag ableitbar ist. Die fehlende Klärung der Langzeitprognosen und die kleinen Stichprobenumfänge in den therapeutischen Ansätzen begrenzen die Belastbarkeit der derzeitigen Befunde erheblich.

Häufige Fragen

Hilft Cannabis gegen Glaukom?
In klinischen Studien wurde die Wirkung von oralem Dronabinol auf den Blutfluss am Sehnervenkopf gemessen. Dabei wurde eine signifikante Erhöhung des Blutflusses bei 10 mg Dronabinol festgestellt, während der Augeninnendruck unverändert blieb.
Was zeigt die Forschung zu Cannabis bei Glaukom?
Eine Meta-Analyse ergab keine kausale Assoziation zwischen lebenslanger Cannabis-Nutzung und dem primären Offenwinkelglaukom. Die GRADE-Sicherheit dieser Erkenntnis wird als hoch eingestuft.
Welche Effekte hat Cannabis bei Glaukom auf den Augendruck?
In den untersuchten Studien hatte die orale Gabe von Dronabinol keinen Einfluss auf den intraokularen Druck. Die Messungen zeigten lediglich eine Veränderung des Blutflusses am Sehnervenkopf.

Schlüsselstudien

3
  1. 01
    A
    Cannabis use and the risk of primary open-angle glaucoma: a Mendelian randomization study.
    Katsimpris et al. ·2023 ·Scientific reports
    Lesen
  2. 02
    B
    The Effect of Orally Administered Dronabinol on Optic Nerve Head Blood Flow in Healthy Subjects-A Randomized Clinical Trial.
    Hommer et al. ·2020 ·Clinical pharmacology and therapeutics
    Lesen
  3. 03
    B
    Single oral administration of dronabinol increases ocular blood flow in patients with glaucoma.
    Lindner et al. ·2026 ·Acta ophthalmologica
    Lesen

Systematische Reviews und Meta-Analysen

Synthesen der RCT-Evidenz nach Cochrane- und PRISMA-Standards.

1
A
Größe
Verblindung
Effektstärke Kein Nutzen
Zitate / Jahr
Schlüsselstudie
Katsimpris et al. ·2023 ·Scientific reports
4 mal zitiert

Cannabis use and the risk of primary open-angle glaucoma: a Mendelian randomization study.

Design
Meta-Analyse
Stichprobe
n = 216.257 Pat. (gepoolt)
Kernaussage

Mendelian-Randomization-Analyse zeigt keine Evidenz für einen kausalen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und primärem Offenwinkelglaukom.

Zusammenfassung

Mendelian-Randomization-Studie zu Cannabis und primärem Offenwinkelglaukom (POAG); n=16.677 Fälle + 199.580 Kontrollen. Keine kausale Assoziation zwischen lifetime Cannabis-Nutzung und POAG (OR=1.04, 95% CI 0.88–1.23) oder Cannabis-Use-Disorder und POAG (OR=0.97, 95% CI 0.92–1.03). Sensitivitätsanalysen bestätigen Nullbefund.

Randomisierte Kontrollierte Studien

Wirksamkeits- und Sicherheitsbelege aus kontrollierten Interventionsstudien.

2
B
Größe
Verblindung Doppelblind
Effektstärke Klarer Nutzen
Zitate / Jahr
Schlüsselstudie
Hommer et al. ·2020 ·Clinical pharmacology and therapeutics
14 mal zitiert

The Effect of Orally Administered Dronabinol on Optic Nerve Head Blood Flow in Healthy Subjects-A Randomized Clinical Trial.

Design
RCT
Stichprobe
n = 24 Pat.
Kernaussage

Dronabinol erhöhte signifikant den Blutfluss des Sehnervenkopfes (ONHBF) um 9,5% in Ruhe, während Placebo keinen Effekt zeigte.

Zusammenfassung

n=24 gesunde Probanden, randomisierte, placebokontrollierte Cross-over-Studie zu 5 mg Dronabinol (synthetisches THC) oral. Primärer Befund: Dronabinol erhöhte Optic Nerve Head Blood Flow (ONHBF) in Ruhe um 9,5±8,1% vs. Baseline (Placebo 0,3±7,4%, p<0,001 zwischen Studientagen). Kein Effekt auf IOP, MAP oder Ocular Perfusion Pressure (OPP); keine psychoaktiven Nebenwirkungen. Autoregulatorische Antwort von ONHBF auf isometrische Belastung unverändert. Gut toleriert; Translation zu Glaukom-Patienten ausstehend.

B
Größe
Verblindung Doppelblind
Effektstärke Klarer Nutzen
Zitate / Jahr
Schlüsselstudie
Lindner et al. ·2026 ·Acta ophthalmologica
0 mal zitiert

Single oral administration of dronabinol increases ocular blood flow in patients with glaucoma.

Design
RCT
Stichprobe
n = 23 Pat.
Kernaussage

Eine einzelne Dosis von 10 mg Dronabinol erhöhte signifikant den Blutfluss im Sehnervenkopf um etwa 10-12% ohne Auswirkungen auf den Augeninnendruck oder Blutdruck.

Zusammenfassung

n=23 Patienten mit primärem Offenwinkelglaukom (POAG), randomisiert doppelblind cross-over Dronabinol (5 mg vs. 10 mg) vs. Placebo. 10 mg Dronabinol erhöhte Optic Nerve Head Blood Flow (ONHBF) signifikant (MA +10.8±20.6%, p=0.018; MV +12.0±24.8%, p=0.042; MT +11.0±22.6%, p=0.022 vs. Placebo) bis 4 h post-Administration, ohne IOP oder Blutdruck zu beeinflussen (p>0.548). Vessel Density im superficial vascular plexus +6.7±14.7% (p=0.040 vs. 5 mg).

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