Stand der Evidenz
Methodische Vielfalt und fehlende Spezifizierung der Cannabispräparate
Die vorliegenden Publikationen unterscheiden sich in Design, Bewertung und Fokus stark. Es finden sich zwei Studien der Bewertungsstufe A, darunter eine Meta-Analyse und eine klinische Leitlinie, sowie fünf Studien der Bewertungsstufe B, die randomisierte kontrollierte Studien und systematische Reviews beinhalten. Bemerkenswert ist, dass bei den meisten Einträgen die konkrete Anwendung und der spezifische Wirkstoff des untersuchten Cannabis als unklar gekennzeichnet sind. Lediglich die Studie von Cooper 2017 spezifiziert ein oromukosales Spray und eine Kombinationssubstanz. Diese mangelnde Standardisierung der Substanzen und der Verabreichungswege macht eine direkte Vergleichbarkeit der Ergebnisse zwischen den Studien schwierig und limitiert die Generalisierbarkeit der Befunde. Die methodische Heterogenität reicht von kleinen Pilotstudien bis hin zu sekundären Analysen größerer Kohorten, was auf ein disparates Forschungsfeld hindeutet, das noch keine einheitliche Definition des untersuchten Interventionstyps entwickelt hat.
Prävalenzzusammenhang und Neurobiologie der Komorbidität
Eine hohe Prävalenz von Cannabis Use Disorder bei Patienten mit ADHS wird durch die Meta-Analyse von Froude 2024 belegt, die vierzehn Studien zusammenfasst. Demnach liegt die Lifetime-Prävalenz dieser Suchtstörung bei 26,9% (Prädiktionsintervall 12,4–48,8%) und die aktuelle Prävalenz bei 19,2% (Prädiktionsintervall 5,5–39,1%). Im Vergleich zur Referenzgruppe besteht ein 2,85-fach erhöhtes Risiko für eine Lifetime-Erkrankung und ein 2,91-fach erhöhtes Risiko für eine aktuelle Erkrankung. Auf der Ebene der Gehirnstrukturen identifiziert die systematische Review von Cawkwell 2021, die elf Studien, darunter sieben Neuroimaging-Untersuchungen, auswertete, keine additiven Effekte oder Interaktionen zwischen ADHS und Cannabis bei neuropsychologischen Exekutivfunktions-Tests. Zwei der eingeschlossenen Studien wiesen hingegen negative Auswirkungen eines frühen Cannabis-Konsumbeginns nach. Die Evidenz zur neurobiologischen Interaktion ist daher uneinheitlich und lässt keinen klaren kausalen Zusammenhang zwischen der Substanz und spezifischen kognitiven Defiziten erkennen.
Wirksamkeitsdaten zu Cannabispräparaten bei ADHS-Symptomen
Zu den direkten therapeutischen Effekten von Cannabis auf ADHS-Symptome existieren nur wenige und kleine Studien. Cooper 2017 untersuchte in einer randomisierten Studie mit 30 Erwachsenen die Wirkung eines oromukosalen Sprays. Bei der primären kognitiven Leistung im QbTest zeigte sich in der Intention-to-treat-Analyse kein signifikanter Unterschied zwischen der Verum- und der Placebo-Gruppe (Est=−0,17, 95% Konfidenzintervall −0,40 bis 0,07, p=0,16). Sekundäre Auswertungen ergaben nominell signifikante Verbesserungen der Hyperaktivität und Impulsivität (p=0,03) sowie der kognitiven Inhibition (p=0,05), während sich für die Unaufmerksamkeit lediglich ein Trend ergab (p=0,10). Levin 2024 testete in einer Pilotstudie mit 28 Teilnehmern eine Medikation bei komorbider ADHS und Cannabis-Sucht. Es wurde kein signifikanter Unterschied bei einer Symptomreduktion von mindestens 30% nachgewiesen (83,3% vs. 71,4%, p=0.65). Ein signifikanter Effekt zeigte sich jedoch in der Reduktion der wöchentlichen Konsumtage. Diese kleinen Fallzahlen und die gemischten Ergebnisse begrenzen die Aussagekraft dieser Daten erheblich.
Leitlinienempfehlungen und alternative Interventionen
Da direkte Cannabis-Interventionen keine belastbaren Wirksamkeitsdaten liefern, fokussiert sich die Evidenz auf das Management der Komorbidität. Die klinische Leitlinie von Cunill 2022 gibt Empfehlungen für die Behandlung von ADHS bei vorliegender Substanzstörung. Für Atomoxetin wird eine schwache Empfehlung zur Reduktion der ADHS-Symptome bei Alkohol- oder Cannabis-Komorbidität ausgesprochen. Methylphenidat wird bei Nikotin-Komorbidität schwach empfohlen, ist bei Kokain-Komorbidität jedoch nicht empfohlen. Die Leitlinie stuft die Sicherheit von Psychostimulanzien und Atomoxetin bei jeglicher Substanzstörung als stark empfohlen ein. Parallel dazu zeigt die Sekundäranalyse der CANreduce-2.0-RCT von Ahlers 2022, dass eine web-basierte Intervention den Konsum reduziert. Bei 94 ADHS-positiven und 273 ADHS-negativen Teilnehmern sanken die Konsumtage signifikant (ADHS-positiv: -11,53 Tage, Standardabweichung 9,28; ADHS-negativ: -8,53 Tage, Standardabweichung 9,4), was auf die Wirksamkeit nicht-pharmakologischer Ansätze bei dieser Patientengruppe hindeutet.
Zusammenfassung der offenen Fragen und Lücken
Die systematische Review von Dhamija 2023 fasst den aktuellen Stand zusammen und schlussfolgert, dass die Evidenzlage unzureichend ist und das Nutzen-Risiko-Verhältnis von Cannabis bei ADHS unklar bleibt. Der vollständige Mangel an randomisierten kontrollierten Studien, die Cannabis direkt zu ADHS-Symptomen untersuchen, stellt die zentrale Lücke in diesem Forschungsfeld dar. Die derzeitigen Daten stammen primär aus Beobachtungsstudien und Fallberichten, die keine Kausalität belegen können. Zudem bleibt unklar, wie sich die in den Leitlinien empfohlenen Pharmaka in Interaktion mit dem spezifischen Cannabiskonsum verhalten, da die Wirkstoffcharakteristika in den meisten Studien nicht präzise beschrieben sind. Die bestehende Heterogenität der Studiendesigns und die geringen Fallzahlen in den wenigen Wirksamkeitsstudien erfordern eine vorsichtige Interpretation. Weitere großangelegte, methodisch standardisierte Untersuchungen sind notwendig, um die gemischten Befunde zur Prävalenz und den unklaren therapeutischen Ansätzen aufzuklären.