Stand der Evidenz
Gesamteindruck der Studienlage und Belastbarkeit der Evidenz
Die vorliegenden Studien zum Einsatz von Cannabis-Präparaten bei PTBS liefern ein widersprüchliches Bild. Meta-Analysen mit hoher GRADE-Sicherheit, wie Whiting 2015 und Black 2019, kommen zu dem Schluss, dass die Datenlage für PTBS unzureichend ist oder keinen Nutzen belegt. Whiting 2015 evaluierte PTBS in nur einer kontrollierten randomisierten Studie mit zehn Teilnehmenden, was als sehr niedrige Evidenz gilt. Black 2019 analysierte eine große Stichprobe bei psychischen Störungen und identifizierte insgesamt keinen Nutzen für medizinische Cannabinoide. Andere Übersichtsarbeiten wie Rodas 2024 berichten über eine gemischte Befundlage. Bei zehn Studien zu Gesamt-PTBS-Symptomen ohne komorbide Substanzgebrauchsstörung zeigten fünf einen Nutzen und fünf keinen Effekt oder eine Verschlechterung. Die Belastbarkeit der Evidenz wird zudem durch methodische Schwächen begrenzt. Roberts 2025 stellte bei 57 analysierten Studien ein hohes Bias-Risiko fest, ausgedrückt durch einen mittleren MASTER-Score von 62,9 von 100 Punkten. Viele der eingeschlossenen Publikationen waren Kohorten- oder Querschnittstudien mit geringer methodischer Stringenz.
Untersuchte Präparate, Wirkstoffe und Anwendungsformen
In den kontrollierten randomisierten Studien wurden vorwiegend isolierte Cannabinoide in oraler Form untersucht, während ältere Beobachtungsstudien oft nur einen nicht standardisierten Konsum von pflanzlichem Cannabis erfassten. Bonn-Miller 2021 testete in einem Cross-over-Design gerauchtes Vollspektrum-Cannabis bei 80 US-Veteranen. Die aktiven Arme enthielten hohe THC-Konzentrationen von etwa 12 Prozent, hohe CBD-Konzentrationen von etwa 11 Prozent oder eine Kombination bei jeweils acht Prozent. Kein signifikanter Unterschied zur Placebo-Gruppe in der Symptomreduktion zeigte sich in der ersten Stufe dieser Studie. Oral verabreichtes CBD wurde in mehreren randomisierten kontrollierten Studien mit Dosen von 300 mg täglich geprüft. Gournay 2024, Bolsoni 2022 und Bogenschutz 2026 fanden keine Überlegenheit von CBD gegenüber Placebo bei angstbezogenen Outcomes oder der PTBS-Symptomatik. Dagegen untersuchten Zabik 2023 und Zabik 2026 niedrige orale THC-Dosen von 5 mg bzw. 10 mg. Diese Studien fokussierten weniger auf die globale Symptomlast, sondern auf neurobiologische Prozesse wie die Aktivierung des präfrontalen Kortex und der Amygdala im Rahmen von Furchtgedächtnis und Extinktionslernen.
Patientengruppen und Studiengroessen
Die Fallzahlen in den kontrollierten Studien sind klein. Bonn-Miller 2021 rekrutierte 80 Veteranen, Zabik 2023 71 Personen und Gournay 2024 42 Erwachsene mit erhöhtem Stress. Stanciu 2021 identifizierte nur eine Crossover-Studie mit zehn Teilnehmenden, die eine THC-assoziierte Reduktion selbstberichteter Alpträume bei PTBS-Patienten unter Standard-Pharmakotherapie zeigte. Beobachtungsstudien sind etwas größer, bleiben aber klein im Vergleich zu üblichen klinischen Wirksamkeitsprüfungen. Bonn-Miller 2022 beobachtete 150 Patienten in einer Real-World-Studie, während Datta 2025 269 PTBS-Patienten aus einer UK Medical Cannabis Registry über 18 Monate nachverfolgte. In diesen Kohorten zeigten sich signifikante Verbesserungen in der Symptomschwere und Lebensqualität. Patientengruppen mit komorbider Substanzgebrauchsstörung werden selten getrennt analysiert. Rodas 2024 unterschied explizit zwischen Studienteilnehmern mit und ohne Komorbidität, wobei alle drei Studien bei komorbider Substanzgebrauchsstörung Risiken für eine Verschlechterung berichteten.
Abweichende Ergebnisse und Ursachen der Heterogenität
Die abweichenden Ergebnisse lassen sich auf unterschiedliche Outcomes und Messinstrumente zurückführen. Während klinische Symptome wie Albträume und Hyperarousal in einigen Studien wie Rehman 2021 und Hindocha 2020 als potenziell positiv beeinflussbar erscheinen, fehlen klare Effekte auf die globale Symptomlast in kontrollierten Studien. Hindocha 2020 nannte zwar Hinweise auf die Reduktion von Schlafstörungen und Alpträumen, bewertete die Evidenz jedoch als unzureichend für klinische Empfehlungen. Die methodische Variabilität wird in Hicks 2022 als Hauptproblem genannt, da nicht standardisierte Cannabis-Assessments die Vergleichbarkeit der Beobachtungsstudien erschweren. Neurobildgebende Studien wie Lotfinia 2023 und Pacitto 2022 zeigen zwar physiologische Veränderungen im Gehirn nach Cannabinoidgabe, diese lassen sich aber nicht direkt auf eine klinische Besserung in der Alltagsfunktion übertragen. Pacitto 2022 beobachtete zwar eine Normalisierung der Angular-Gyrus-Aktivierung unter THC, dies geschah jedoch im Kontext einer spezifischen kognitiven Neubewertungsaufgabe.
Offene Fragen und Limitationen
Offen bleibt vor allem die Frage nach der Langzeitwirksamkeit, da die meisten kontrollierten Studien nur wenige Wochen andauerten. Die Langzeitdaten aus Datta 2025 stammen aus einer Beobachtungsstudie mit 18 Monaten Follow-up, sind aber unkontrolliert und durch ein hohes Bias-Risiko von Selektionsverzerrungen geprägt. Es fehlen große, multizentrische randomisierte kontrollierte Studien mit ausreichender statistischer Power. Die Dosierung und die spezifische Zusammensetzung der Präparate variieren stark zwischen den Studien, was eine Synthese schwer macht. Die Frage, ob Vollspektrum-Präparate mit isolierten Cannabinoiden unterschiedlich wirken, ist durch Bonn-Miller 2021 und die orale CBD- und THC-Studien nicht abschließend geklärt. Zudem bleibt die Interaktion mit etablierter Psychotherapie unklar, da Hill 2024 zeigte, dass trauma-fokussierte Therapien unabhängig von der Cannabiskonsumtion bessere Effekte auf die PTBS-Symptomreduktion hatten als nicht-trauma-fokussierte Ansätze. Bis dato fehlt eine klare Evidenz, die einen therapeutischen Nutzen von Cannabis-Präparaten als Monotherapie oder Ergänzung der Standardversorgung bei PTBS in der Breite belegt.