Studienlage / Schmerz / Migräne

Migräne

4 kuratierte Studien · 2 Schlüsselstudien · mechoulam.de

Eine erste kontrollierte Studie zeigt, dass verdampftes Cannabis akute Migräneattacken besser lindere als Placebo, gestützt durch retrospektive Daten. Die Evidenzbasis sei insgesamt noch jung.

Bewertungsschema

Der Buchstabe bewertet die Qualität einer Studie, unabhängig vom Typ. Jeder Studientyp kann jede Note bekommen: auch ein Review kann B oder C sein, wenn er klein oder schwach ist, und ein RCT kann S sein. Die Note ist eine Synthese aus Studiendesign, Journal-Autorität und klinischer Verbindlichkeit:

S
Höchste Evidenz, große, methodisch erstklassige Studien oder S3-Leitlinien
A
Starke Evidenz, solide, aussagekräftige Studien mit klarem Ergebnis
B
Mittlere Evidenz, kleinere oder methodisch eingeschränkte Studien
C
Schwache Evidenz, vorläufige, indirekte oder widersprüchliche Befunde
D
Geringste Evidenz, explorative Hinweise, Einzelfälle oder Expertenmeinung

Qualitätsprofil je Studie

Links neben jeder Studie steht ein Profil aus vier Merkmalen, es zeigt die Unterschiede innerhalb einer Buchstaben-Klasse.

Größe
Teilnehmerzahl (RCT) bzw. eingeschlossene Studien (Review).
Verblindung
Doppelblind, einfachblind oder offen.
Effektstärke
Klarer Nutzen, gemischt, kein Nutzen oder Schaden.
Zitate / Jahr
Altersbereinigte Zitationshäufigkeit.

Kurz gefasst

Cannabis bei Migräne wurde in Studien untersucht, in denen die Schmerzlinderung sowie die Migränefrequenz gemessen wurden. Eine randomisierte kontrollierte Studie mit einer Kombination aus 6% THC und 11% CBD mittels Inhalation zeigte eine Schmerzlinderung nach 2 Stunden von 67,2% gegenüber 46,6% in der Placebogruppe sowie eine Schmerzfreiheit von 34,5% gegenüber 15,5%. Eine retrospektive Kohortenstudie untersuchte Vollspektrum-Präparate und stellte eine Reduktion der Migränefrequenz von 10,4 auf 4,6 Attacken pro Monat fest. Die Datenlage ist aufgrund der unterschiedlichen Studienmodelle mit einer moderaten bis niedrigen GRADE-Sicherheit bewertet.

Stand der Evidenz

Untersuchung von Cannabis bei akuter Migräneattacke

Die vorliegende Evidenzlage umfasst zwei Studien, die unterschiedliche Aspekte der Cannabisanwendung bei Migräne beleuchten. Die randomisierte kontrollierte Studie von Schuster 2026 untersucht den Einsatz von vaporisiertem Cannabis in einer Kombination aus 6 % THC und 11 % CBD bei 92 Patienten. Bei 247 behandelten Attacken zeigte sich für den primären Endpunkt der Schmerzlinderung nach zwei Stunden ein klarer Nutzen gegenüber Placebo. Die Rate der Schmerzlinderung lag bei 67,2 % im Therapiearm gegen 46,6 % im Placeboarm, was einem Odds Ratio von 2,85 [95 %-KI 1,22–6,65], p=0,016 entspricht. Auch die Schmerzfreiheit nach zwei Stunden war mit 34,5 % gegenüber 15,5 % signifikant höher (Odds Ratio 3,30 [1,24–8,80], p=0,017). Bei einem weiteren Endpunkt, der Freiheit vom belastendsten Symptom, lag der Wert im Therapiearm bei 60,3 % im Vergleich zu 34,5 % unter Placebo. Die Sicherheit dieser Befunde wird als moderat eingestuft.

Retrospektive Daten zu Frequenz und Anwendungsform

Ergänzend berichtet Rhyne 2016 über eine retrospektive Kohortenstudie, die 121 Erwachsene in Colorado zwischen 2010 und 2014 einbezog. In dieser Untersuchung reduzierte sich die Migränefrequenz im Mittel von 10,4 auf 4,6 Attacken pro Monat (p<0,0001). Positive Effekte wurden bei 48 Patienten (39,7 %) dokumentiert, aufgeteilt in Migräneprophylaxe mit Frequenzreduktion bei 24 Patienten (19,8 %) und Akutbehandlung als Abbruch von Attacken bei 14 Patienten (11,6 %). Die inhalative Form wurde häufig im Kontext der Akutbehandlung angesprochen. Die Sicherheit dieser Befunde wird als niedrig eingestuft, was auf das nicht-experimentelle Design und die retrospektive Datenbasis zurückzuführen ist.

Grenzen der Datenlage und offene Fragen

Die beiden Studien nutzen unterschiedliche Designansätze und Endpunkte, was direkte Vergleiche erschwert. Während Schuster 2026 eine kontrollierte Akutbehandlung mit spezifischen Wirkstoffkonzentrationen testet, erfasst Rhyne 2016 einen breiten klinischen Verlauf mit Vollspektrum-Präparaten, deren genaue Zusammensetzung und Dosierung nicht standardisiert dargestellt sind. Beide Studien sind relativ klein, mit Fallzahlen von 92 bzw. 121 Patienten. Langzeitdaten fehlen bislang, ebenso wie belastbare Informationen zur Anwendung von Vollspektrumprodukten im kontrollierten Vergleich. Die bisherigen Ergebnisse deuten auf einen Nutzen besonders bei der Akutbehandlung hin, jedoch bleibt der Stellenwert gegenüber der Prophylaxe wegen der heterogenen Studienlage offen.

Häufige Fragen

Hilft Cannabis gegen Migräne?
In einer randomisierten kontrollierten Studie wurde die Schmerzlinderung nach zwei Stunden gemessen. Dabei wurde bei der Anwendung eines vaporisierten Kombinationspräparats aus 6% THC und 11% CBD eine Schmerzlinderung von 67,2% im Vergleich zu 46,6% unter Placebo festgestellt. Die GRADE-Sicherheit dieser Ergebnisse wird als moderat eingestuft.
Wie wirkt Cannabis bei Migräne auf die Häufigkeit der Attacken?
Eine retrospektive Kohortenstudie untersuchte die Migränefrequenz unter Anwendung von medizinischem Cannabis. Die Anzahl der Attacken reduzierte sich in dieser Beobachtung von 10,4 auf 4,6 pro Monat. Die GRADE-Sicherheit für diese Ergebnisse wird als niedrig bewertet.
Welche Effekte wurden bei der Anwendung von Cannabis bei Migräne hinsichtlich der Schmerzfreiheit gemessen?
In einer Untersuchung wurde die Schmerzfreiheit zwei Stunden nach der Inhalation eines THC und CBD haltigen Präparats gemessen. Die Schmerzfreiheit lag bei 34,5%, während sie in der Placebogruppe 15,5% betrug. Die Sicherheit dieser Daten wird als moderat eingestuft.

Schlüsselstudien

2
  1. 01
    A
    Vaporized cannabis versus placebo for acute migraine: A randomized, double-blind, placebo-controlled crossover trial.
    Schuster et al. ·2026 ·Headache
    Lesen
  2. 02
    B
    Effects of Medical Cannabis on Migraine Headache Frequency in an Adult Population
    Rhyne et al. ·2016 ·Pharmacotherapy: The Journal of Human Pharmacology and Drug Therapy
    Lesen

Randomisierte Kontrollierte Studien

Wirksamkeits- und Sicherheitsbelege aus kontrollierten Interventionsstudien.

1
A
Größe
Verblindung Doppelblind
Effektstärke Klarer Nutzen
Zitate / Jahr
Schlüsselstudie
Schuster et al. ·2026 ·Headache
2 mal zitiert

Vaporized cannabis versus placebo for acute migraine: A randomized, double-blind, placebo-controlled crossover trial.

Design
RCT
Stichprobe
n = 92 Pat.
Kernaussage

Die Kombination 6% THC + 11% CBD zeigte Überlegenheit gegenüber Placebo beim primären Endpunkt Schmerzlinderung nach 2 h (67,2% vs. 46,6%) mit anhaltenden Vorteilen bis 48 h.

Zusammenfassung

RCT (cross-over) mit n=92 Migräne-Patienten, 247 behandelte Attacken; vaporisiertes Cannabis 6% THC + 11% CBD vs. Placebo. Primärer Endpunkt Schmerzlinderung nach 2h: THC+CBD 67,2% vs. Placebo 46,6% (OR 2,85 [95%-KI 1,22–6,65], p=0,016). Schmerzfreiheit nach 2h: THC+CBD 34,5% vs. Placebo 15,5% (OR 3,30 [1,24–8,80], p=0,017). Most bothersome symptom freedom nach 2h: THC+CBD 60,3% vs. Placebo 34,5% (OR 3,32 [1,45–7,64], p=0,005). Anhaltende Schmerzfreiheit nach 24h und anhaltende Symptomfreiheit nach 24h und 48h signifikant überlegen. THC-dominant (6% THC) überlegen bei Schmerzlinderung (68,9% vs. 46,6%, OR 3,14 [1,35–7,30], p=0,008), aber nicht bei Schmerzfreiheit. CBD-dominant (11% CBD) nicht überlegen vs. Placebo. Keine schwerwiegenden Nebenwirkungen.

Real-World-Evidenz und Beobachtungsstudien

Daten aus klinischer Versorgungspraxis, Registern und Pflichterhebungen.

2
B
Größe
Verblindung
Effektstärke Klarer Nutzen
Zitate / Jahr
Schlüsselstudie
Rhyne et al. ·2016 ·Pharmacotherapy: The Journal of Human Pharmacology and Drug Therapy
91 mal zitiert

Effects of Medical Cannabis on Migraine Headache Frequency in an Adult Population

Design
Retrospektive Kohorte
Stichprobe
n = 121 Pat.
Kernaussage

Migräne-Kopfschmerzfrequenz nahm signifikant von 10,4 auf 4,6 Kopfschmerzen pro Monat ab (p<0,0001); 39,7% der Patienten berichteten positive Effekte, 11,6% negative Effekte.

Zusammenfassung

Retrospektive Kohortenstudie zu medizinischem Cannabis bei Migräne (n=121 Erwachsene, Colorado 2010–2014). Migränefrequenz reduzierte sich von 10,4 auf 4,6 Attacken/Monat (p<0,0001). Positive Effekte bei 48 Patienten (39,7 %): Migräneprophylaxe mit Frequenzreduktion (24 Patienten, 19,8 %) und Attackenabbruch (14 Patienten, 11,6 %). Inhalative Formen häufig für Akutbehandlung. Negative Effekte bei 14 Patienten (11,6 %), v.a. Somnolenz und Dosierungsschwierigkeiten bei Edibles.

C
Größe
Verblindung
Effektstärke
Zitate / Jahr
Mosek et al. ·2014 ·The Journal of Headache and Pain
2 mal zitiert

EHMTI-0136. Medical cannabis in the treatment of treatment-resistant, chronic cluster headache. A retrospective report

Design
Retrospektive Kohorte
Stichprobe
n = 82 Pat.
Zusammenfassung

Retrospektive Kohortenstudie zu medizinischem Cannabis bei chronischem Kopfschmerz (n=82, Median-Schmerzintensität 9/10). Nach 6 Monaten berichteten 94,6% (von 37 Response) eine Verbesserung, 5,4% keine Veränderung; Abbrecherrate 4,8%.

Übersichtsarbeiten

Nicht-systematische Übersichts- und Expertenarbeiten zur Einordnung der Evidenzlage.

1
B
Größe
Verblindung
Effektstärke
Zitate / Jahr
Baron et al. ·2018 ·Headache: The Journal of Head and Face Pain
243 mal zitiert

Medicinal Properties of Cannabinoids, Terpenes, and Flavonoids in Cannabis, and Benefits in Migraine, Headache, and Pain: An Update on Current Evidence and Cannabis Science

Design
Narrative Review
Stichprobe
Narrative Review
Kernaussage

Die Arbeit beschreibt analgetische und entzündungshemmende Eigenschaften von Cannabinoiden und einen möglichen Synergieeffekt der Cannabis-Inhaltsstoffe bei Migräne und Kopfschmerz.

Zusammenfassung

Narrative Übersicht zu Cannabis bei Migräne/Kopfschmerz/Schmerz; diskutiert Cannabinoide (THC, CBD), Terpene und Flavonoide sowie Entourage-Effekte. Keine systematische Datenextraktion oder numerischen Outcomes berichtet; qualitative Synthese akkumulierender Evidenz für analgetische und anti-inflammatorische Eigenschaften. Betont Forschungsbedarf für migränespezifische Wirksamkeitsdaten.

Laufende & kommende Studien

Laufende Studien befinden sich in der Erprobungsphase und sind kein Beleg für Wirksamkeit oder Sicherheit. Informationen dienen ausschließlich Bildungszwecken.

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  • NCT03972124 ClinicalTrials.gov Cannabis for the Prophylactic Treatment of Migraine Rekrutierung Phase 2 Start: 2026-04
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