Stand der Evidenz
Heterogene Wirksamkeit bei Krebspatienten
Die Studienlage zu Cannabinoiden bei der Appetitanregung im Kontext von Krebserkrankungen ist widersprüchlich. Eine systematische Review und Meta-Analyse von Simon 2022, die zehn Studien einschloss, identifizierte keinen signifikanten Nutzen für den Appetit im Vergleich zur Kontrolle. Die standardisierte Differenz lag bei minus 0,02 mit einem 95-Prozent-Vertrauensintervall von minus 0,51 bis 0,46 und einem p-Wert von 0,93. Diese Evidenz wurde als sehr niedrig eingestuft. In derselben Untersuchung erschien die Lebensqualität unter Cannabinoid-Gabe signifikant schlechter, wobei die standardisierte Differenz bei minus 0,25 lag. Johnson 2021 stützte dieses Bild in einer systematischen Review zu sechs randomisierten kontrollierten Studien über einen Zeitraum von zwanzig Jahren. Die Autoren fanden keine Verbesserungen bei Appetit, oraler Nahrungsaufnahme, Gewicht oder appetitbezogener Lebensqualität. Als Limitationen dieser Evidenzbasis wurden kleine Stichproben und ein Mangel an Adjustierung von Störfaktoren benannt. Im Gegensatz dazu berichtete Turcott 2018 in einer randomisierten, placebokontrollierten Studie mit 47 Patienten mit fortgeschrittenem nicht kleinzelligem Lungenkarzinom über eine signifikante Steigerung der Kalorienaufnahme um 342 kcal und der Kohlenhydratzufuhr um 64 Gramm unter Nabilon-Therapie.
Evidenz in der HIV/AIDS-Population
Bei Patienten mit HIV/AIDS zeigen die Daten ein anderes Muster als bei Krebspatienten. Beal 1995 untersuchte 88 Patienten mit einem Gewichtsverlust von mehr als zwei Kilogramm. In dieser placebokontrollierten Studie stieg der Appetit in der Dronabinol-Gruppe bei 38 Prozent der Patienten an, verglichen mit 8 Prozent in der Placebo-Gruppe. Das Körpergewicht blieb in der Dronabinol-Gruppe stabil, während es in der Kontrollgruppe im Mittel um 0,4 kg abnahm. Eine offene Fortführung dieser Kohorte über zwölf Monate berichtete Beal 1997. Bei 94 Patienten mit einer mittleren CD4-Zahl von 45 pro Kubikmillimeter zeigte sich eine konsistente Appetitverbesserung im Verlauf der Visual Analogue Scale. DeJesus 2007 analysierte retrospektiv 117 Patienten, die Dronabinol über drei bis zwölf Monate erhielten. Bei 63 Prozent dieser Patienten blieb das Gewicht erhalten oder es kam zu einer Gewichtszunahme. Der Anteil der Patienten mit Appetitverlust sank signifikant von 71 Prozent zu Beginn auf 26 Prozent bei der ersten Nachuntersuchung. Haney 2007 bestätigte in einer kleinen Crossover-Studie bei zehn HIV-positiven Konsumenten eine dosisabhängige Erhöhung der Kalorienaufnahme und des Körpergewichts unter Dronabinol und Cannabis im Vergleich zu Placebo.
Vergleiche mit anderen Substanzen und therapeutische Grenzen
Jatoi 2002 verglich Dronabinol mit Megestrolacetat in einer dreigruppigen randomisierten kontrollierten Studie mit 469 Patienten mit fortgeschrittenem Krebs und Anorexie. Megestrolacetat erwies sich als überlegen. Eine Appetitverbesserung berichteten 75 Prozent der Patienten in der Megestrol-Gruppe, gegenüber 49 Prozent in der Dronabinol-Gruppe. Auch der Anteil der Patienten mit einer Gewichtszunahme von mindestens 10 Prozent war höher, nämlich 11 Prozent gegenüber 3 Prozent. Eine Kombinationstherapie aus beiden Substanzen brachte keinen zusätzlichen Nutzen gegenüber der Monotherapie mit Megestrolacetat. Bei der Anorexia nervosa ist die Datenlage äußerst dünn. Rosager 2020 schloss nur zwei originale randomisierte kontrollierte Studien ein. In der einzigen adäquat gepowerten Studie zeigte Dronabinol eine zusätzliche Gewichtszunahme von plus 1 kg über vier Wochen im Vergleich zu Placebo. Andries 2013 dokumentierte in einem doppelblinden Crossover-Design bei 25 Patientinnen mit schwerer Anorexia nervosa eine Gewichtszunahme von plus 0,73 kg unter Dronabinol. Eine Studie mit hochdosiertem THC zeigte in Rosager 2020 hingegen keinen Effekt.
Untersuchungsgestaltung und methodische Einschränkungen
Die untersuchten Präparate umfassen primär orale Formen von Delta-9-THC, wie Dronabinol und Nabilon, sowie in Einzelfällen vollspektrum Cannabis oder Kombinationen aus THC und CBD. Luckett 2025 untersuchte inhalative Vollspektrum-Blüten bei 16 Personen mit tumorassoziierter Anorexie und berichtete über wahrgenommene Verbesserungen beim Essen, die jedoch teilweise auf die Reduktion von Übelkeit zurückzuführen waren. Bar-Sela 2019 testete orale THC-CBD-Kapseln bei 17 Krebspatienten. Hier wurde eine signifikante Verbesserung der Appetitverlustsymptome in der Selbstauskunft dokumentiert, wobei nur drei von sechs Studienabsolventen eine Gewichtszunahme von mindestens 10 Prozent erzielten. Die Fallzahlen in den individuellen Studien sind oft gering. Jatoi 2002 und Beal 1997 weisen mit 469 beziehungsweise 94 Patienten auf eine größere Teilnehmerzahl hin. Andere Studien wie Haney 2007 mit nur 10 Teilnehmern oder Zutt 2006 mit einer Fallserie von 7 Patienten an metastasierten Melanomen bieten nur begrenzt belastbare Evidenz. Wendelmuth 2019 dokumentierte Dronabinol bei 40 geriatrischen Palliativpatienten, wobei die primäre Fokussierung jedoch auf der Schmerzlinderung lag.
Fehlende Langzeitdaten und offene Unklarheiten
Obwohl einige Langzeitdaten vorliegen, bleiben zentrale Fragen offen. Die Studie von Beal 1997 lieferte Daten über zwölf Monate, zeigt jedoch eine Gewichtsstabilisierung für mindestens sieben Monate, ohne einen dauerhaften Anstieg zu garantieren. Nebenwirkungen sind in den Studien konsistent dokumentiert. Dazu zählen Schwindel, Mundtrockenheit, Übelkeit und Müdigkeit, wie in der umfassenden Übersicht von Whiting 2015 zusammengefasst. In der Studie von Jatoi 2002 lag die Abbruchrate für die Dronabinol-Gruppe nicht explizit im Kontrast zu Megestrol, aber Beal 1995 dokumentierte eine Abbruchrate von 8,3 Prozent unter Dronabinol und 4,5 Prozent unter Placebo. Die Evidenzqualität variiert stark zwischen den einzelnen Publikationen. Während große Übersichtsarbeiten wie Whiting 2015 oder Simon 2022 für ihre methodische Strenge eine hohe GRADE-Bewertung erhalten, fallen die Einzelstudien häufig wegen kleiner N-Werte und fehlender Verblindung in niedrigere Bewertungsstufen. Eine einheitliche Schlussfolgerung über die Effektivität von Cannabis zur Appetitanregung ist aufgrund der heterogenen Patientengruppen und der widersprüchlichen Primärergebnisse nicht möglich.