Stand der Evidenz
Mangel an randomisierten kontrollierten Studien
Die wissenschaftliche Datenlage zu Cannabis bei Endometriose ist dünn und besteht überwiegend aus Studien niedriger Qualitätsstufe. Nur zwei der vorliegenden Quellen liefern eine systematische Übersicht, wobei Liang 2022 als Stufe A eingestuft wurde und 16 Studien analysierte. Die Anzahl an randomisierten kontrollierten Studien ist extrem gering. Chesterman 2025 beschreibt ein Machbarkeits-RCT, das aufgrund niedriger Rekrutierung und Retention vorzeitig beendet wurde. Nur 4 von insgesamt 12 Teilnehmerinnen beendeten die Studie vollständig. Es fehlt belastbare klinische Evidenz aus großen kontrollierten Studien, die eine kausale Wirksamkeitszuordnung sicherstellen. Die vorhandene Literatur stützt sich stark auf deskriptive Daten und Selbstberichte, was die Belastbarkeit der Erkenntnisse stark einschränkt. Eine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung lässt sich aus der gegenwärtigen Literatur nicht ableiten.
Untersuchung von Präparaten und Wirkmechanismen
Die untersuchten Präparate und Wirkstoffe variieren stark in den verschiedenen Studien. In der einzigen randomisierten Studie (Chesterman 2025) wurden inhaliertes Tetrahydrocannabinol in einer Konzentration von 16 Prozent kombiniert mit oralem Cannabidiol und Placebo verglichen. Sinclair 2021 berichtet über den Konsum von Vollspektrum-Extrakten und anderen Formen. Mehrere narrative Reviews wie Lingegowda 2022, Tanaka 2020 und Bouaziz 2017 diskutieren die Rolle des Endocannabinoid-Systems. Sie beziehen sich auf die Expression von CB1 und CB2 Rezeptoren in ektopem Endometrium. Diese mechanistischen Untersuchungen deuten auf pathophysiologische Zusammenhänge hin, liefern aber keine direkten klinischen Anwendungsdaten für spezifische Präparate. Präklinische Studien wie Dmitrieva 2010 und Bilgic 2017 untersuchen die Wirkung von Endocannabinoiden wie Anandamid und 2-Arachidonoylglycerol auf Zellapoptose und Rezeptorexpression im Labor.
Patientengruppen und Studiengrößen
Die untersuchten Patientengruppen umfassen Frauen mit diagnostizierter Endometriose und chronischem Beckenschmerz. Die Studiengrößen reichen von kleinen RCTs bis zu großen Umfragestudien. Sinclair 2021 umfasste 252 Frauen, die ein prospektives Online-Tagebuch führten. Armour 2021 und Sinclair 2020 stützen sich auf 484 Frauen, die online befragt wurden. Carrubba 2021 untersuchte 274 Frauen mit chronischem Beckenschmerz, darunter eine Endometriose-Untergruppe. Walsh 2013 dokumentierte 497 medizinische Cannabis-Patienten in Kanada, von denen 12 Prozent Frauen mit Endometriose waren. Diese Querschnittsdaten beschreiben das Nutzungsmuster, liefern jedoch keine kontrollierten Outcome-Daten. Die Prävalenz des Cannabis-Gebrauchs lag in diesen Kohorten zwischen 13 und 27 Prozent. Die Studienpopulationen sind heterogen und unterscheiden sich in der Art der Datenerhebung, was einen direkten Vergleich erschwert.
Uneinheitliche Ergebnisse und hohe Bias-Risiken
Die berichteten Effekte fallen weitgehend positiv aus, bergen jedoch erhebliche methodische Schwächen. Sinclair 2021 beschreibt eine signifikante Reduktion des Beckenschmerzes um 7,6 Punkte auf der Numerischen Rating Skala. 61 bis 95,5 Prozent der Nutzerinnen in den von Liang 2022 zusammengefassten Studien berichteten über eine Schmerzreduktion. Carrubba 2020 gibt an, dass 92,3 Prozent der Cannabis-Nutzerinnen eine Symptomverbesserung bemerkten. Gleichzeitig berichteten 80,7 Prozent dieser Gruppe über Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit und Schläfrigkeit. Da die meisten Studien keine Kontrollgruppe enthalten und auf Selbstberichten basieren, ist das Bias-Risiko hoch. Die Selbstselektion der Teilnehmerinnen führt dazu, dass nur Frauen mit positiven Erfahrungen an den Studien teilnehmen. Ohne Placebo-Kontrollen ist es unmöglich, die Wirkung des Placeboeffekts von der tatsächlichen pharmakologischen Wirkung von Cannabis zu trennen.
Offene Fragen und fehlende Langzeitdaten
Die Langzeitwirkung und Sicherheit von Cannabis bei Endometriose bleibt unklar. Es fehlen Langzeitdaten, die über die kurzen Beobachtungszeiträume der Kohortenstudien hinausgehen. Die Dosierung variiert in den Studien stark, was eine standardisierte Therapieentwicklung verhindert. Präklinische Daten wie die von Escudero-Lara 2019 im Mausmodell zeigen zwar eine Linderung der mechanischen Hypersensitivität durch Tetrahydrocannabinol, diese Ergebnisse sind jedoch nicht automatisch auf den Menschen übertragbar. Die Leitlinie DGGG 2024 empfiehlt den Einsatz nur als individuellen Therapieversuch bei chronischen Schmerzen. Aufgrund der fehlenden einheitlichen Studiendesigns und der geringen Fallzahlen in den hochqualitativen Studien bleibt die Frage offen, welche Subpopulation von Cannabis am meisten profitiert und welche Risiken in der Langzeittherapie bestehen. Weitere hochqualitative randomisierte kontrollierte Studien mit großen Fallzahlen und objektiven Endpunkten sind dringend erforderlich.