Stand der Evidenz
Wirksamkeit bei chemotherapie-induzierter Übelkeit und Erbrechen
Die vorliegende Studienlage zeigt, dass Cannabinoide bei chemotherapie-induzierter Übelkeit und Erbrechen (CINV) eine überlegene Wirksamkeit gegenüber Placebo aufweisen. Whiting 2015 wertete in einer Meta-Analyse 79 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 6.462 Teilnehmenden aus und berichtete eine signifikante Überlegenheit von Cannabinoiden gegenüber Placebo mit einem Odds Ratio von 3,82 (95% CI 1,55–9,42). Chow 2025 bestätigte in einer Meta-Analyse über 26 Studien diese Überlegenheit, wobei ein Relative Risk von 2,65 (95% CI 1,70–4,12) für die CINV-Kontrolle ermittelt wurde. Bei der Gegenüberstellung zu konventionellen Antiemetika fallen die Ergebnisse gemischt aus. Smith 2015 und Tramèr 2001 fanden in Cochrane-Reviews beziehungsweise systematischen Reviews mit insgesamt 23 bzw. 30 randomisierten Studien einen Vorteil für Cannabinoide hinsichtlich der vollständigen Übelkeitskontrolle mit einem Relative Risk von 1,38 (95% CI 1,18–1,62) und einer Notwendigen Behandlungszahl von 6. Für die vollständige Erbrechenskontrolle lag das Relative Risk bei 1,28 (95% CI 1,08–1,51). Andere Einzelstudien wie Cunningham 1988 zeigten jedoch in einer Untermenge von Patienten unter Carboplatin-Regimen eine Überlegenheit von Metoclopramid gegenüber Nabilon, was auf eine heterogene Wirkung je nach Chemotherapie-Typ hindeutet.
Geprüfte Wirkstoffe und Dosierungsformen
Die untersuchten Präparate umfassen synthetische Cannabinoide wie Dronabinol, Nabilon und Levonantradol sowie pflanzliche Zubereitungen mit Kombination von Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). Die meisten Studien untersuchten orale Anwendungsformen, wobei Duran 2010 eine oromukosale Darreichungsform in einem Pilotstudien-Design mit 16 Teilnehmenden prüfte. Grimison 2024 testet eine orale Kombinationspräparation mit 2,5 mg THC und 2,5 mg CBD, die dreimal täglich eingenommen wurde. In der Studie von McCabe 1988 wurde eine orale Dosis von 15 mg pro Quadratmeter Körperoberfläche eingesetzt, wobei eine Startdosis von 5 mg pro Quadratmeter empfohlen wurde. Ungerleider 1982 und Chhabra 2023 berichten über die Anwendung im pädiatrischen Bereich, wo Nabilon häufig in Kombination mit 5-HT3-Antagonisten wie in der retrospektiven Übersicht von Polito 2018 untersucht wurde. Chow 2025 weist darauf hin, dass THC:CBD in aktuellen Analysen eine relevante Rolle spielt, während frühere Meta-Analysen wie die von Whiting 2015 unterschiedliche Substanzen innerhalb einer gemeinsamen Analyse zusammenfassten.
Patientengruppen und Studiengrößen
Der Hauptfokus der Evidenz liegt auf Erwachsenen mit soliden Tumoren, insbesondere Lungenkarzinom und Brustkrebs, die eine moderat oder hoch emetogene Chemotherapie erhalten. Grimison 2024 umfasste 147 Teilnehmende in einer Phase-II/III-Studie, während Duran 2010 mit einer sehr kleinen Stichprobe von 16 Patienten eine Pilotphase durchführte. Größere Meta-Analysen wie die von Whiting 2015 (n=6.462) und Chhabra 2023 (n=1.927) aggregieren Daten aus verschiedenen Kohorten. Chhabra 2023 konzentriert sich spezifisch auf die pädiatrische Krebs-Symptomkontrolle, wobei 11 von 19 Studien das CINV als Hauptindikation hatten. Wong 2017 fasst Evidenz aus 22 Studien mit 795 Kindern und Jugendlichen zusammen. Die Studien umfassen sowohl randomisierte kontrollierte Studien als auch retrospektive Kohorten und Fallberichte. Die Fallzahlen in den primären randomisierten Studien variieren stark, von 19 Teilnehmenden in Lane 1990 bis zu mehreren Hundert in aggregierten Analysen, was die Interpretation einzelner Studienergebnisse erschwert.
Diskrepanzen und Nebenwirkungsprofil
Die Ergebnisse gehen auseinander, was auf die Heterogenität der Chemotherapieregime, der Kontrollgruppen und der Endpunkte zurückzuführen ist. Während einige Studien einen klaren Nutzen gegenüber Placebo demonstrieren, fällt der Vergleich mit modernen Antiemetika wie Serotonin-Antagonisten weniger eindeutig aus. Brafford May 2016 stellt in einer narrativen Übersicht fest, dass Dronabinol geringere Wirksamkeit und mehr Nebenwirkungen als neuere Serotonin- und Neurokinin-Antagonisten aufweist. Nebenwirkungen treten häufiger unter Cannabinoid-Behandlung auf. Gemeint sind dabei vor allem Sedierung, Schwindel, Euphorie und Mundtrockenheit, wie in den Studien von Chhabra 2023, Grimison 2024 und Polito 2018 berichtet wird. Polito 2018 berichtet bei 34% der Patienten über Nebenwirkungen, wobei alle unter Grad 2 nach CTCAE-Klassifikation lagen. Ungerleider 1982 identifiziert eine reduzierte Konzentrationsfähigkeit und eingeschränkte soziale Interaktion als signifikante Nachteile, die unabhängig von der antiemetischen Wirksamkeit auftreten. Grimison 2024 berichtet, dass 31% der Teilnehmer moderate oder schwere cannabinoidbedingte Nebenwirkungen erlitten.
Offene Fragen und Limitationen der Evidenz
Trotz der moderaten bis hohen Evidenzstärke in den systematischen Reviews von Whiting 2015 und Chow 2025 bleiben einige Fragen offen. Langzeitdaten zur Sicherheit und Langzeitwirksamkeit sind in den vorliegenden Studien nicht verfügbar. Die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse ist durch die historische Perspektive vieler Einzelstudien eingeschränkt, da sich die Standard-Antiemese zwischen 1975 und 2015 stark verändert hat. Chow 2025 kritisiert, dass viele aktive Komparatoren veraltete Einzel-Antiemetika-Regime waren, was den direkten Vergleich mit heutigen Standardtherapien erschwert. Senderovich 2024 weist in einer systematischen Review auf das Risiko cannabis-induzierter gastrointestinaler Symptome hin, was das Nutzen-Risiko-Profil bei bestimmten Patientengruppen, insbesondere bei älteren Menschen, kritisch erscheinen lässt. Bei pädiatrischen Patienten fehlt es an hochqualitativen randomisierten Studien, da die Evidenz laut Wong 2017 und Chhabra 2023 oft auf retrospektiven Daten und kleinen Fallserien beruht. Die Identifizierung der optimalen Dosierung und des spezifischen Wirkstoff-Verhältnisses zwischen THC und CBD bleibt zudem unzureichend definiert, da die Studien hierin stark variieren.